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"Man muss einen langen Atem haben"
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FREIe HEIDe und Freier Himmel

Wellen plätschern, Blätter rauschen, Vögel zwitschern, ein Kuckuck ruft - Natur pur am Nordufer des Nebelsees bei Krümmel. Zufrieden sitzt Barbara Lange auf einer Bank am Seeufer an der Südgrenze Mecklenburg-Vorpommerns und blinzelt in die Sonne. "Für diese unberührte Stille in der Natur haben wir gekämpft." Zehn Jahre stand die Mirowerin als Sprecherin in der ersten Reihe der Aktionsgemeinschaft "Freier Himmel" und kämpfte gemeinsam mit der Brandenburger Bürgerinitiative "Freie Heide" sowie einem breiten Bündnis über Ländergrenzen hinweg gegen den geplanten Luft-Boden-Schießplatz bei Wittstock - ein Kampf gegen donnernde Tiefflieger über Ruhe suchenden Urlaubern. Ein Kampf von einfachen Bürgern gegen den Staat und seine Armee. Fast drei Jahre ist es her, dass der Bundesverteidigungsminister den Schießplatz-Plan beerdigte, ein Jahr später sogar ganz auf die militärische Nutzung verzichtete.

"Wir haben unser Ziel erreicht", sagt Barbara Lange. Der "Freie Himmel" hat sich vor wenigen Tagen aufgelöst. Die Sprecherin ist mehr als zufrieden. "Die Bundeswehr wurde geerdet", sagt sie stolz. Wenn das Wegerecht der Gemeinde Schweinrich vor Gericht höher wiege als die Verteidigungsbereitschaft, sei das ein herber Schlag für das Militär und das Verteidigungsministerium. "Rechtsstaatlich haben wir dadurch sogar mehr erreicht, als wir uns vorgenommen haben."

Es bleibe aber ein bitterer Beigeschmack, wenn Politiker erst durch Gerichte zum Handeln gezwungen werden. "Die Bundespolitik hat sich bis zum Schluss nicht von unseren Argumenten überzeugen lassen", gibt Barbara Lange zu bedenken. Der zweite Sprecher Gerhard Schneider spitzt seine Erwartung an eine Demokratie zu: "Politiker sind verpflichtet zu handeln. Gerichte können ihnen nicht die Entscheidungen abnehmen."

Das Nordufer des Nebelsees ist symbolträchtig. Nach den Plänen der Bundeswehr wären genau an dieser Stelle alle Jagdflugzeuge zu ihrem Anflug auf das Bombodrom eingeschwenkt, ob aus Osten, Westen oder Norden. Geplant waren 1700 Einsätze mit bis zu fünf Anflügen pro Jahr - definitiv das Ende der Stille. Eine rostige Metallskulptur erinnert an den so genannten Alphapunkt: Ein geschwungener Schweif hinter einem durchkreuzten Jagdflugzeug. Der Rost ist gewollt. "Die Natur soll sich das irgendwann zurückholen. Sie hat hier das Sagen", sagt Gerhard Schneider. Er hat den Entwurf gezeichnet, wohnt direkt nebenan in Krümmel und war schon Anfang der 1990er-Jahre regelmäßig bei den Protesten der brandenburgischen Bürgerinitiative "Freie Heide" dabei. Sein Blick schweift über den Nebelsee. Schneider hat den Lärm der russischen Flieger rund um das Bombodrom über Jahrzehnte hautnah miterlebt - das wollte er nicht wieder haben.

Die Natur ist grenzenlos, der menschliche Alltag nicht. Das gegenüberliegende Ufer ist bereits Brandenburg. Lange Zeit hat die Landesgrenze wie ein Schott gewirkt. Die Probleme der Nachbarn mit ihrem Schießplatz waren für viele allzu fern, Planungen hörten an der Grenze auf. Dahinter war nichts. Als 2001 per Gericht die Beteiligung auch der Gemeinden im Nachbarland gefordert wurde und ein Konzept zum Anflug auf dem Tisch lag, gab es belastbare Argumente für die Betroffenheit in Mecklenburg-Vorpommern, erinnert sich Barbara Lange.

Die Welle der Solidarität sei ungeheuer gewesen. Der "Freie Himmel" hatte zuletzt rund 200 Mitglieder, darunter viele Gemeinden, Vereine, Parteigruppen, Institutionen. In der so genannten Südallianz hatten sich zudem etwa 40 Gemeinden in Mecklenburg-Vorpommern zusammengetan, um die Klagen zu unterstützen.

Als die Mecklenburger aufrüsteten, hatten die Brandenburger schon zehn Jahre Protest hinter sich. "Wir haben uns aber sehr gefreut über die Unterstützung", sagt Benedikt Schirge, Sprecher der Bürgerinitiative "Freie Heide". Auch für die Brandenburger ist mit dem Aus für die Bundeswehr das Ziel nun erreicht. Die Auflösung der Bürgerinitiative soll nächsten Monat erfolgen.

Trotzdem bleibt einiges zu tun. Weite Teile des rund 144 Quadratkilometer großen Areals sind munitionsverseucht. Laut einem Gutachten wären für die komplette Beräumung knapp 600 Millionen Euro nötig. Das werde sich keiner leisten können, trotzdem könnten die Euros aber besser fließen als bislang, meint Benedikt Schirge. "Es wird noch viel gepokert ums Geld." Wäre die Bundeswehr dort, wäre Geld kein Problem, argwöhnt er. "Die Prioritäten sind falsch gesetzt. Altlasten müssten dringender beseitigt werden, als neue Waffen gekauft." Über eines müsse man sich aber klar sein: Große Bereiche des ehemaligen Schießplatzes werden gesperrt bleiben, vielleicht irgendwann als Wildgebiete ganz der Natur überlassen sein. "Wir wollten nie auf dem gesamten Gelände Pilze suchen oder durch die Heide wandern", entgegnet auch Barbara Lange den Kritikern der hohen Beräumungskosten. Unsachliche Anfeindungen ärgern sie.

Schnellschüsse schließt auch Landrat Ralf Reinhardt in Neuruppin aus. "Von Anfang an war klar, dass nach dem jahrzehntelangen militärischen Übungsbetrieb eine schnelle zivile Nutzung des ehemaligen Truppenübungsplatzes nicht erfolgen kann", sagt der parteilose Verwaltungschef von Ostprignitz-Ruppin. "Die Zeit rennt schneller als die Heide wächst."

In einigen Jahren könnten aber im Süden der Kyritzer Heide Menschen durch die einzigartige Landschaft wandern und neu angesiedelte Wildpferde oder Wisente erleben. Dort sind 4000 Hektar Land an die Heinz-Sielmann-Stiftung übergeben worden. Weitere rund 9000 Hektar will die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben auf verschiedenste Weise nutzen. Nördlich der Landesstraße 15, die heute als einzige Verbindung quer über das Schießplatzgelände führt, kann sich Schirge sehr gut Windräder oder Solarparks vorstellen. Deutschland müsse zur Energiewende einiges tun. Schon jetzt kann man mit dem Kremser durch die südliche Heide fahren. Insgesamt sei man sich einig, dass naturnaher Tourismus im Mittelpunkt stehen soll. Der Truppenübungsplatz solle als Ganzes erhalten bleiben, so Reinhardt.

Motorenlärm kommt näher. Drei Köpfe drehen sich zum See - kurze Anspannung. Ein Kleinflugzeug schnurrt Richtung Lärz zum dortigen Flughafen. Ganz sind Flugzeuge also nicht verschwunden - werden es nie sein. Es ist wie eine Mahnung, der es eigentlich nicht bedarf. Aus den Augen verlieren werden die Aktiven das Bombodrom sowieso nicht. "Dass in Brandenburg jetzt ein Schlussstein gesetzt ist, daran will ich nicht glauben. Die Leute müssen ernsthaft an einer zivilen Nutzung weiterarbeiten, man muss wachsam bleiben", sagt Gerhard Schneider. Sie haben immer gefordert, dass Beschlüsse geändert werden können, genau das könne auch beim Bombodrom passieren, ergänzt Barbara Lange - auch wenn es dafür momentan keine Anzeichen gebe.

Was vom erfolgreichen Kampf bleibt, ist neben der unberührten Stille eine Ausstellung in der Mirower Kirche, ein Buchprojekt und ein Berg Akten, der im Landesarchiv MV der Nachwelt erhalten bleiben soll. Die "Freie Heide" hat eine Dokumentation erarbeitet und rund ums Bombodrom elf Schautafeln aufgestellt. In der Gadower Kirche gibt es ihre Wanderausstellung.

Es bleiben die vielen Kontakte über die Landesgrenze. "Sie sind herzlich, sachlich und gut", sagt Landrat Reinhardt. "Die gemeinsamen Proteste haben das Zusammengehörigkeitsgefühl der Region über Länder- und Kreisgrenzen hinweg gestärkt", betont Heiko Kärger, CDU-Landrat im Nachbarkreis Mecklenburgische Seenplatte. "Entscheidend ist, wie die Akteure vor Ort zusammenarbeiten. Dies klappt zurzeit sehr gut." Es bleiben zwar die Grenzen, aber auch ein bisschen Hoffnung.

Und es bleibt die Gewissheit, dass Menschen gegen staatliche Institutionen erfolgreich angehen können. "Man muss nur einen langen Atem haben und darf sich nicht verzetteln", sagt Gerhard Schneider. "Zuerst hatte niemand auf uns gehört. Wir haben uns über den breiten Zuspruch legitimiert." Benedikt Schirge betont: "Es ist noch ein gutes Stück zu gehen, aber jetzt wesentlich entkrampfter." Sein Fazit ist ähnlich: "Ein langer Atem zahlt sich aus."




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