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Frauke, Pressegruppe Block G8
Alte Brüche und neue Gemeinsamkeiten
Aktionstraditionen bei Block G8
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„Chef, es sind zu viele“ meldete ein geschockter Polizeibeamter in Bad Doberan. Ja das waren wir, zu viele – für die. Mit über zehntausend Menschen nahmen wir uns unser Demonstrationsrecht, trotz Demonstrationsverbot. Gemeinsam blockierten wir tagelang zwei Zufahrtstraßen zum Gipfel von Heiligendamm um unser deutliches NEIN zur kapitalistischen Globalisierung auszudrücken. Gemeinsam erfuhren wir, welche Kraft im solidarischen, kollektiven und entschiedenen Vorgehen liegt. Wir eigneten uns die Straße als öffentlichen Raum an. Die Aktion war für viele von uns, Einzelpersonen und Gruppen, wie auch für die „Bewegung der Bewegungen“ als Ganzes, ein zentrales Ereignis. Dies lag eben genau in der Erfahrung der Solidarität und der aus ihr entstehenden Kraft.

Mit Block G8 lernten wir, dass der Regelübertritt, der Regelbruch, der Zivile Ungehorsam geübt werden kann und dann umso kraftvoller ist. Mit Block G8 erfuhren wir, wie zentral es ist, dass so viele wie möglich über die gemeinsame Aktion informiert sein müssen um effektiv zu sein. In hunderten von Aktionstrainings in der Republik oder auf den Camps diskutierten die Leute Blockade- und Kommunikationstechniken, erprobten die „Fünffingertaktik“ und trafen Absprachen, wie sie aufeinander achten werden. Alle wussten so gut es nur ging, worauf sie sich einließen. Allein der genaue Blockadeort war nur einigen wenigen bekannt. Ansonsten war alles klar – nicht zuletzt auch wegen des in hitzigen Debatten vorbereiteten Aktionskonsenses. In ihm haben wir versucht, die diversen Vorstellungen in der Vorbereitungsgruppe zusammen zu bringen. Es war ein langer und intensiver Diskussionsprozess. Aber mit Block G8 lernten wir auch, dass alte Spaltungen überwunden werden können.


Alte Brüche / Olle Kamellen

Denn genau 10 Jahre vorher kam es 1997 aus Anlass der „gewaltfreien Sitzblockade X-tausendmal quer“ gegen den Castortransport ins Wendland zu heftigen Auseinandersetzungen in der Bewegungslinken, zwischen „Gewaltfreien“ und „Autonomen“. Der zentrale Streitpunkt war die Nutzung des Begriffes „gewaltfrei“. Nach Ansicht der „Autonomen“ grenzte sich X-tausendmal quer von den anderen ab, spaltete so die Bewegung und diskreditierte damit alle anderen Aktionsformen.

Vorgeworfen wurde X-tausendmal quer außerdem, sich zu sehr der bürgerlichen Öffentlichkeit anzubiedern und auch der Zivile Ungehorsam sei letztendlich ein staatstragendes Konzept. Ebenso geriet die konkrete Ausführung der Aktion unter Beschuss. So wählte X-tausendmal quer z. B. seinen Blockadeort direkt vor dem Verladekran, damit möglichst viele Unorganisierte gleich wissen sollten, wo sie sich beteiligen konnten. Aber auch, und das war die Hauptkritik, weil hier die meiste Medienpräsenz war. Damit seien die Anti-Castor-Proteste von X-tausendmal quer allein gefärbt gewesen und die anderen Aktionsformen hätten weniger Öffentlichkeit bekommen.

Aus der Befürchtung, dass die Aktionsvereinbarung „Sitzblockade“ von einigen nicht eingehalten werden würde, hatte die Vorbereitungsgruppe so genannte MittlerInnen eingeteilt. Sie sollten Leute, die z. B. die Straße unterhöhlen wollten, bitten, es doch besser an anderer Stelle zu tun. Nicht etwa, weil man das Unterhöhlen der Straße per se eine schlechte Aktionsform fand, sondern sie eben nur nicht dem Aktionskonzept an diesem Ort entspräche. Sowohl die MittlerInnen („Ordnungspolizei“, so der Vorwurf) als auch die eindeutige Besetzung eines Raums für eine Aktionsform wurde ebenfalls scharf angegriffen. Dass z.B. das Unterhöhlen der Straße der Polizei die Legitimation für eine Räumung gegeben hätte, wurde nicht als Argument akzeptiert.

In der Tat waren diese MittlerInnen in ihrer Funktion aus verschiedenen Gründen ausgesprochen problematisch. Letztendlich vermischte sich die Kritik aber im Nachhinein mit der Erfahrung, dass es wohl Blockierende gab, die eben nicht, wie mit den MittlerInnen abgesprochen, grundsätzlich solidarisch auf Leute mit anderen Aktionsideen zugegangen sind, sondern sich aggressiv zu dogmatischen Ordnungshütern aufgeschwungen hatten.

Dass X-tausendmal quer eine Blockade war, die sich über drei Tage und zwei Nächte hielt, und an der sich 7000 bis 9000 Menschen beteiligten, ging in der ganzen Auseinandersetzung allerdings ziemlich unter.
Die Vorbereitungsgruppe von X-tausendmal quer rechtfertigte ihre Aktion damit, dass sie die Zusammenarbeit mit autonomen Gruppen lange Jahre aufrechterhalten habe. Es sei aber immer unnötig intransparent gearbeitet worden, es sei sich wenig darum gekümmert worden, wie Aktionen in der Öffentlichkeit vermittelt werden und unorganisierte AktivistInnen integriert werden könnten. Die Menschen, die sich an Aktionen beteiligen wollten, seien in brenzligen Situationen häufig nur irgendwo hingeschickt worden, ohne dass explizit die Verantwortung für die Blockaden o.ä. übernommen wurde. Deswegen beschloss X-tausendmal quer eigene Wege einzuschlagen, um ein transparentes, für die Teilnehmenden möglichst berechenbares und demokratisches Aktionskonzept zu entwickeln, das deutlich auf Masse und „Sesshaftigkeit“ setzt und durch den Zivilen Ungehorsam Widerstand artikuliert.

So weit einige der Argumente beider Seiten. Die Auseinandersetzung beschränkte sich jedoch bei weitem nicht nur auf sie, sondern zeichnete sich durch eine Menge von Beleidigungen, unsachlichen Entgleisungen und einer Reihe von Falschmeldungen aus. – Der Bruch in der Bewegung, nicht nur im Wendland, war tief und wirkte lange nach.

Block G8 – ein neuer Versuch

Bei Block G8 kamen Teile dieser beiden Strömungen 10 Jahre später wieder zusammen. Die einen hatten verstanden, dass sie sich für große Aktionen, die über den Protest gegen Atomkraft hinausgehen, öffnen müssen. Und dass sie sich dabei von eigenen Dogmen, wie beispielsweise die Beschränkung auf die Aktionsform der reinen Sitzblockade oder die unbedingte Nutzung des Begriffs „Gewaltfreiheit“ zumindest zeitweilig verabschieden sollten. Die anderen hatten – angesichts der Eskalationssackgasse nach Genua und der Marginalisierung von Gleneagels – eingesehen, dass nur mit einem kalkulierbaren Aktionsrahmen die Chance bestehen würde, weite Teile des Protestspektrums in effektive und widerständige Aktionen zu integrieren.

In dem Aktionskonsens von Block G8 haben wir nun in langen Debatten versucht, die verschiedenen Traditionen, Erfahrungen und Empfindlichkeiten zusammen zu bringen. Dieses „Abkommen“ ist lang geworden und für viele absurd umständlich und genau. Aber letztendlich hat es sich bewährt, lange darüber zu debattieren, welches Verhalten unnötig eskalierend wirkt, wie viel Verantwortung für den Verlauf einer Aktion wie Block G8 überhaupt zu übernehmen ist, ob und wie eine Massenblockade vielleicht auch über Tage gehalten werden kann etc. Mit der ausgearbeiteten Übereinkunft war allen klar, auf welcher Basis die Aktion stattfindet, auf welcher Grundlage auf der Straße gestritten wird. Es mussten dort keine Grundsatzdiskussionen mehr geführt werden.

Vermittelte Rebellion

Den Regelübertritt haben wir geübt, vollzogen und wir haben ihn kommuniziert. Nach innen durch Veranstaltungen und Trainings, nach außen durch Pressearbeit in linken und bürgerlichen Medien. Mit Block G8 wollten wir ein Zeichen der deutlichen Ablehnung gegen die kapitalistische Globalisierung auch in der bürgerlichen Öffentlichkeit setzen. Mit dem Zivilen Ungehorsam als gesetzeswidrige Handlung wollten wir die Illegitimität der G8 und der kapitalistischen Globalisierung deutlich machen – und unsere Aktion als legitim erklären. Wir wollten die Rebellion vermitteln, die Aneignung der Zufahrtsstraßen zum G8-Gipfel und damit seine Blockade. Damit wollten wir die bürgerliche Öffentlichkeit gezielt überfordern, sie nötigen, ihren gewohnten „Komfortraum“ zu verlassen. Nicht zuletzt durch die Intensität der Pressearbeit, die wir schon im Februar 2007 begannen, ist uns das unserer Meinung nach geglückt (s. Artikel zu Pressearbeit).

Wie lange die Nachwirkung so einer Form der Öffentlichkeitsarbeit ist, steht auf einem anderen Blatt. Es ist klar: Hegemonien lassen sich bei weitem nicht allein auf Basis der Öffentlichkeit verschieben. Zudem verflog der Antikapitalismus, der für kurze Zeit sprechbar war, auch deswegen bald, weil der Raum kaum gegeben war, ihn weiter zu füllen. Was uns für die Medien interessant machte, war die Aktionsform. Da war für uns wenig zu machen.

Ein Auseinandersetzungspunkt im Vorfeld war auch die Sprechweise. Nicht zuletzt auf Grund der 1997er Erfahrung war eine Bedingung, im Zusammenhang mit Block G8 nicht von „Gewaltfreiheit“ sprechen. Statt permanent zu betonen, was wir nicht machen werden, beschrieben wir vielmehr, was wir planen, welche verschiedenen Spektren sich beteiligen etc.: „Viele Menschen werden solidarisch und für die Teilnehmenden transparent blockieren“, „wir gehen nicht auf die Eskalation der Polizei ein“, „wir sind bunt, dabei ist schwarz ein Teil von bunt“ etc. Damit vermieden wir auch öffentliche Auseinandersetzungen darüber, ob beispielsweise brennende Autoreifen nun Gewalt sind, ob sie sinnvolle Protestform oder schlicht in bestimmten Situationen eine schlechte Strategie sind, die der Polizei Grund zum Eingreifen gibt. Dies machten wir lieber intern aus.


Dauerhafte Effekte?

Haben sich tatsächlich die anderthalb Jahre Vorbereitungszeit gelohnt? In der Tat, das ist eine lange Zeit. Aber nicht zuletzt angesichts der zerrütteten Geschichte einer aktionsbezogenen Bewegungslinken in der BRD ist es viel wert, dass tausende junge Leute Erfahrungen in solidarischen Aktionen sammeln, diese erproben und weiterführen konnten; dass die Idee des spektrenübergreifenden Zivilen Ungehorsams aufgenommen, sie von der dehnbaren Vokabel der Gewalt bzw. Gewaltfreiheit gelöst und an anderen Orten und Gelegenheiten angewendet und weiterentwickelt wird. Und nicht zuletzt war es auch für die internationale Bewegung von Bedeutung, dass auf dem G8-Gipfel, der seit 2000 einer der Kristallisationspunkte der globalisierungskritischen Bewegung ist, eine entschlossene Aktion sichtbar wurde. Fast alle, die sich an der Aktion beteiligt hatten, waren erstmal grundsätzlich beeindruckt, wenn nicht gar begeistert von ihrem Verlauf. Medial erhielt sie große Aufmerksamkeit und vor Ort viel Solidarität – nicht nur von den BesucherInnen des parallel stattfindenden Gegengipfels, sondern auch von vielen AnwohnerInnen.

Mit der Aktion als kollektive, in diesem Fall symbolische, Aneignung haben wir vielleicht auch einen Beitrag dazu geleistet, den Regelbruch in der traditionellen Linken oder auch im kirchlichen Spektrum stärker in die Diskussion zu bringen. Ein Zeichen dafür waren in der vergangenen Zeit Aktionsbündnisse gegen Naziaufmärsche, bei denen sich plötzlich auch von gewerkschaftlicher oder kirchlicher Seite mit Zivilem Ungehorsam auseinander gesetzt wurde.

In dem Kontakt zu der traditionellen Linken lag aber auch eine unserer Schwächen. So können wir zwar für Block G8, wie für den gesamten Prozess der Anti-G8-Mobilisierung sagen, dass er zu großen Teilen ohne die Unterstützung von Gewerkschaften und Parteien ausgekommen ist. Aber es ist der Logik einer Bewegungslinken inhärent, dass sie nur beschränkte Integrationskapazitäten hat. Schließlich gibt es – attac einmal ausgenommen – kein bundesweites Netzwerk mit jeweiliger lokaler Infrastruktur, in der man einfach mal so mitmachen kann, ohne einen bestimmten Code zu erfüllen oder über bestimmte Kontakte zu verfügen. Und so war die Aktion mit Sicherheit gerade für viele junge Leute ein zentrales Ereignis in ihrer Politisierung, nur aufgenommen werden konnte es von uns nicht.

Frauke, Pressegruppe Block G8.

1997 war sie zudem in der Vorbereitung der X-tausendmal quer Blockade.

P.S. :

Aus "Chef, es sind zu viele" Die Block-G8-Broschüre. Juni 2008




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