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Lou Marin
"Der Feind meines Feindes ist mein Freund"?
Die Gandhi-Bose-Kontroverse 1939 und die ideologischen Grundlagen der Kollaboration von Subhas Chandra Bose mit den Nazis 1941-43
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Innerhalb gewaltfreier Aktionsgruppen und allgemein der gewaltfreien Strömungen der sozialen Bewegungen in Westdeutschland der siebziger und achtziger Jahre, der Anti-AKW-Bewegung und der diversen Antikriegsbewegungen galt der antikoloniale Kampf um die Unabhängigkeit Indiens unter der Leitung M.K. Gandhis nicht nur als Beispiel für die Durchsetzungsfähigkeit nicht-bewaffneter Kampfformen sogar in der „Dritten Welt“, sondern das Studium dieser historischen Massenbewegung galt als WissensReservoir, aus dem - unter veränderten Bedingungen - sozialrevolutionäre Bewegungen auch in Europa lernen könnten. Dieser historische Beispielcharakter ist in den neunziger Jahren aufgrund der Kultur- und Geschichtspolitik im Rahmen der Regierungsphase der hindu-fundamentalistischen Indischen Volkspartei (BJP) in den Hintergrund gedrängt und publizistisch angegriffen worden. Dieser Angriff hängt direkt mit der Aufwertung eines späten Gegners M.K. Gandhis zusammen: Subhas Chandra Bose (1897-1945).

Bose bekämpfte zeit seines politischen Lebens die gewaltfreie Strategie Gandhis und wurde in der zugespitzten Auseinandersetzung der Jahre 1939/40 aus den Gremien der indischen Unabhängigkeitsbewegung, des Indian National Congress (INC) - als nicht-parteiförmige Sammlungsorganisation keineswegs gleichzusetzen mit der Kongreß-Partei nach der Unabhängigkeit -, ausgeschlossen. Er flüchtete 1941-43 nach Berlin und versuchte zunächst dort, später von Singapur/Burma im Einflussbereich Japans aus eine indische nationale Befreiungsarmee, die Indian National Army (INA) aufzubauen, um Indien von außen zu befreien, was jedoch militärisch fehlschlug. Der ehemalige Mitarbeiter der DDR-Botschaft in Neu-Delhi und heutige PublizistLothar Günther schreibt über Bose:

„Am 23. Januar 1997 wäre Subhas Chandra Bose 100 Jahre alt geworden. Indien ehrte ihn mit einem Gedenkjahr und mit Veranstaltungen überall im Land. Das bedeutete zweifellos eine Aufwertung dieser historischen Persönlichkeit.“ (1)

1997 wurde zudem der 50. Jahrestag der indischen Unabhängigkeit gefeiert, so dass die historische Aufwertung Boses doppelte Bedeutung erlangte.

Und war im bekannten westlichen Kinofilm des Briten Richard Attenborough zur Biographie Gandhis (1983 in den Kinos) der gesamte Komplex Bose einfach weggelassen worden - in der Tat ein historiographischer Fehler, der den Film in weiten Teilen Indiens (v.a. Punjab und Bengalen) unpopulär machte -, so wird Bose im Jahre 2004 im bengalischen Kalkutta durch einen aufwendigen Kinofilm des Erfolgsregisseurs Shyam Benegal als nationaler Held gefeiert. (2)

Durch den damit einher gehenden Kult des Militarismus und eines engen Nationalismus werden die unüberbrückbaren Differenzen Boses zur Gewaltlosigkeit sowie zum gemäßigten Nationalismus Gandhis, dessen Denken universalistischen Werten verpflichtet blieb, verwischt. Dieser Tendenz folgt Lothar Günther mit seiner geradezu rührend naiven Einschätzung:

„Historiker haben die unterschiedlichen Positionen in der verkündeten und in der praktizierten Politik von Gandhi, Nehru und Bose herausgearbeitet, die es zweifelsohne gab, aber die man auch nicht überschätzen sollte. Denn für die Bevölkerung Indiens sind alle drei die Väter des unabhängigen Indien.“ (3)

Konträr zu dieser die hindu-fundamentalistische Geschichtsrevision affirmierenden, gleichzeitig noch von der indienfreundlichen DDR-Politik geprägten Einschätzung Günthers hat sich in der deutschen Linken in den neunziger Jahren ein Interesse an weniger erfreulichen Aspekten der nationalen Befreiungsbewegungen allgemein, die nur allzu oft in neuen unterdrückerischen Staaten und Militärdiktaturen endeten, entwickelt. In diesem Sinne konvergierte dieses Interesse mit bereits lange existierenden, aber ebenso lange ungehört verhallenden Kritiken gewaltfreier und gewaltfrei-libertärer Strömungen, die in bewaffneten nationalen Befreiungsbewegungen die Strukturen zu neuen Staaten, neuen Armeen und zur Dominanz des Nationalen über das Soziale angelegt sahen. Im Zuge der Kritik gerade der Ideologie des Nationalismus ist die Aufmerksamkeit großer Teile der deutschen Linken für die Kollaboration einzelner Personen und Strömungen aus nationalen Unabhängigkeitsbewegungen mit den Nazis vor und während dem Zweiten Weltkrieg gestiegen. Das betrifft nicht nur den Großmufti von Jerusalem für die Arabien-Politik, sondern auch Subhas Chandra Bose für die Indien-Politik des Nationalsozialismus. Und so wird in dem aktuell erschienenen, illustrierten Buch des „Rheinischen JournalistInnenbüros“ über Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg Subhas Chandra Bose zurecht als „Kollaborateur der Nazis“ bezeichnet. (4)

Als jedoch Teile der vormals eine emanzipatorische Lücke aufspürenden und aufarbeitenden antinationalen Linken spätestens nach dem 11. September 2001 zur antideutschen Sekte mutierten und wahllos jede soziale Bewegung von unten und vor allem die weltweite globalisierungskritische Bewegung undifferenziert als antisemitisch und antiamerikanisch denunzierten, wurde - etwa vom antideutschen Ideologen Thomas von der Osten-Sacken (5) - die gandhianisch orientierte Globalisierungkritikerin Arundhati Roy gleich mit Bose in einen Topf geworfen. Alfred Schobert konterte damals in der „Graswurzelrevolution“:

„Als gewiefter Demagoge lässt Osten-Sacken die antisemitische Sünde der 1959 geborenen Roy bereits während des historischen Nazismus beginnen. Es sei ‚eines der großen Erfolgsprojekte der Nazis’ gewesen, ‚antikoloniale Bewegungen gegen die imaginierte plutokratisch-jüdisch-angloamerikanische Weltherrschaft zu unterstützen’, so auch die indische Unabhängigkeitsbewegung, die vom Berliner Sender ‚Free India Radio mit Propaganda versorgt’ worden sei. (...) Da das Ressort ‚Internationales’ der Jungle World in der Hauptsache eine Vereinigung antideutscher Gesinnungsstärke ist, kann Osten-Sacken dort die gesamte indische antikoloniale Bewegung auf Subhas Chandra Bose (1897-1945), den ‚Duce von Bengalen’ und Widersacher der Gandhianer, und seine Naziconnection reduzieren.“ (6)

Im folgenden geht es darum, diese historischen Verzerrungen wieder zurecht zu rücken und anhand der Gandhi-Bose-
Kontroverse von 1939 und Boses Kollaboration von 1941-43 aufzuzeigen, dass Bose zur Zeit seiner Kollaboration mit den Nazis aufgrund fundamentaler Differenzen zu Gandhi und Nehru von allen entscheidenden Gremien des INC ausgeschlossen war und sein Projekt, den Aufbau einer indischen Nationalarmee durch Mithilfe Nazi-Deutschlands und später Japans, als nicht-legitimierte Randfigur der antikolonialen Bewegung Indiens durchführte.

Synthese zwischen Sozialismus und Faschismus?

Kurios erscheint ein Vorspiel zur Kontaktaufnahme Boses mit den Deutschen, ein Beleg auch für Irrwege alternativer Strömungen aus der Jugendbewegung der zwanziger Jahre hinein in den Nationalsozialismus:

„Bose, damals Führer der Jugendbewegung (des INC; d.A.) in Kalkutta, hatte 1929 den 25-jährigen Hans Queling getroffen, der mit fünf anderen Wandervögeln reiste. (...) Queling weilte von 1928 bis 1932 in Indien und verarbeitete seine Eindrücke in einem Buch unter dem Titel Sechs Jungen tippeln nach Indien und zum Himalaya. Seinen Aufenthalt finanzierte Queling mit Vorträgen, Zeitungsberichten und mit Gitarrespiel. Das beeindruckte Bose sehr. Queling gegenüber erklärte er 1929: ‚Ich möchte eine Armee, die Indien von den Briten befreit.’ (...) Als Bose im Frühjahr 1941 in Berlin eintraf, arbeitete Queling in der Propaganda-Abteilung des Auswärtigen Amtes. Er sprach Englisch und Hindustani und wurde nicht zuletzt wegen der persönlichen Bekanntschaft zur Beratung von Bose abkommandiert.“ (7)

Aufgrund gesundheitlicher Probleme infolge mehrerer Gefängnisstrafen in Indien verbrachte Bose die Zeit zwischen 1933 und 1936 fast durchgängig in Europa, vor allem in Österreich, Deutschland und Italien. Hier nahm er jene Kontakte zu Mitarbeitern des Auswärtigen Amtes (Frank, Prüfer, Dieckhoff u.a.) auf, auf die er später zurückgreifen sollte. Gelegentliche Eingaben Boses gegen diskriminierende Praktiken der Nazis gegen in Deutschland studierende InderInnen sollten der Stabilität dieser Kontakte keinen Abbruch tun und werden von Bose zugeneigten Historikern in der Regel überbewertet. Besonders beeinflusst wurde Bose während seines damaligen Europa-Aufenthaltes sowohl vom bewaffneten Freiheitskampf Irlands wie auch vom italienischen Faschismus, was zu einer besonderen - und wechselseitigen - Verehrung Mussolinis führte. (8) Zu Beginn der dreißiger Jahre und noch in seinem 1934 verfassten und erst nach einer Zeit der Zensur 1938 in Indien veröffentlichten Buch The Indian Struggle bekannte sich Bose im Anschluss an seinen Mentor, den Bengalen C.R. Das, zu einer Synthese aus Faschismus und Sozialismus. Bose in The Indian Struggle:
„Alles in allem ist man geneigt zu glauben, dass die nächste Phase in der Weltgeschichte eine Synthese zwischen Kommunismus und Faschismus produzieren wird.“ (9)
Bose wähnte sich selbst als Sozialist, als Anwalt eines unterdrückten Landes, dessen Unabhängigkeit jedoch nur durch einen starken Nationalismus erreicht werden könne. Eine seit seiner Jugend, in der er eine paramilitärische Ausbildung genossen hatte, präsente Faszination für alles Militärische sorgte dabei für die Verbindung so weit auseinander liegender Ideologien wie der des Sozialismus und des Faschismus. Immer wieder dominierte die Faszination fürs Militärische seine sozialen und ethischen Überzeugungen, so etwa in einem Artikel A Word about Germany vom 13. März 1940, mitten im Konflikt mit Gandhi:
„Es scheint so, dass in der modernen Kriegsführung Schnelligkeit und Beweglichkeit zunehmend wichtige Faktoren sind. (...) All diese Qualitäten besitzen die Nazis selbstverständlich. Aufgrund ihrer Schnelligkeit und Beweglichkeit haben sie den Gegner überall überrumpelt und ohne große Schwierigkeiten überwältigt. (...) Deutschland mag faschistisch oder imperialistisch sein, unbarmherzig oder grausam, aber man kann nicht umhin, diese Qualitäten zu bewundern. (...) Könnten diese Qualitäten nicht dazu benutzt werden, einer nobleren Sache zu dienen?“ (10)
Um als Führungsfigur innerhalb der Linken des INC aufsteigen zu können, musste Bose seine Sympathien für den Faschismus in den dreißiger Jahren zurückschrauben. Vom britischen Kommunisten und - neben George Orwell - profiliertesten Bose-Kritiker R. Palme Dutt darauf angesprochen, ging Bose 1938, als er bereits zum INC-Präsidenten gewählt worden war, folgendermaßen in die Defensive:

„Was ich wirklich meinte, war, dass wir in Indien unsere nationale Freiheit wollten. Und wenn wir sie gewonnen haben, wollten wir in Richtung des Sozialismus fortschreiten. Das meinte ich, als ich von ‚einer Synthese zwischen Kommunismus und Faschismus’ sprach. Vielleicht war mein Ausdruck nicht besonders glücklich gewählt. Aber ich will hervorheben, dass der Faschismus zu der Zeit, als ich das Buch schrieb, noch keinen imperialistischen Feldzug begonnen hatte und auf mich nur wie eine aggressive Form des Nationalismus wirkte.“ (11)

Solch verharmlosende Einschätzungen waren für Bose typisch. Bose hatte Mussolini zwischen 1934 und 1938 fünfmal persönlich getroffen. Der Inhalt ihrer Gespräche blieb geheim. Doch für Mussolini zahlten sie sich bereits beim faschistischen Angriffskrieg auf Abessinien aus:
„Bose hielt sich mit einer Verurteilung der Italiener zurück, ohne jedoch für sie Partei zu ergreifen, und gab in einem Artikel in der Modern Review vom November 1935 den Briten die Hauptschuld an dem Krieg: Italien und Abessinien seien befreundet gewesen, bis die Briten begonnen hätten, ihren Einfluss in Ostafrika auszudehnen. Mussolini sei zum Krieg gezwungen gewesen, um seinen Einfluss in der Region zu wahren. Indien könne von der Auseinandersetzung profitieren: ‚Es gibt zwei Wege, wie der Imperialismus beendet werden kann - entweder mittels eines Aufstands einer anti-imperialistischen Kraft oder durch den gegenseitigen Vernichtungskrieg der Imperialisten selbst. Wenn der zweite Weg durch das Anwachsen des italienischen Imperialismus befördert wird, dann wird Abessinien nicht umsonst gelitten haben.“ (12)

Ähnlich zynisch war das Verhalten Boses beim Thema Antisemitismus. Im Interesse seiner Reinwaschung betont Lothar Günther, dass Bose Passagen in Hitlers Mein Kampf als diskriminierend gegen InderInnen empfunden und explizit dagegen protestiert habe. (13) Das mag sein, gegen die dortigen antisemitischen Passagen hatte er offensichtlich nichts einzuwenden. Warum, das verdeutlicht an anderer Stelle eine scharfe Kritik Boses an Nehru: Am 28. März 1939, wiederum mitten während Boses Konflikt mit Gandhi, schrieb er einen bitteren Brief an Nehru, in dem er dessen Positionierung auf Seiten Gandhis kritisierte. Darin findet sich folgende Passage:

„In den internationalen Angelegenheiten ist deine Politik vielleicht noch nebulöser. Ich war erstaunt, als du vor dem Working Committee (oberstes Entscheidungsgremium des INC, d.A.) vor einiger Zeit eine Resolution eingebracht hast, nach der Indien zum Asyl für Juden würde. Außenpolitik ist eine realistische Angelegenheit und hat sich größtenteils vom Standpunkt des nationalen Selbstinteresses leiten zu lassen. Nimm Sowjetrussland zum Beispiel. Der Kommunismus in der internationalen Politik erlaubt es ihr niemals, dass Sentimentalitäten ihre Außenpolitik dominieren.“ (14)
Bose war also bereits mit nationalsozialistischer Ideologie kontaminiert, als sein Konflikt mit Gandhi offen ausbrach. Angetreten als militanter Sozialist und Nationalist der Linken im INC siegten in ihm 1939/40 Militanz und Nationalismus über den Sozialismus.

Bose gegen Gandhi 1939/40

1938 war mit Subhas Chandra Bose nicht nur endlich wieder ein Bengale, sondern zudem - Bose war knapp über Vierzig - ein Angehöriger der nachstrebenden jüngeren Generation zum jährlich wechselnden Präsidenten des INC gewählt worden. Gandhi hatte die Wahl Boses befürwortet, ersterer war zu dem Zeitpunkt immerhin bereits 69 Jahre alt.
In den dreißiger Jahren hatte es Bose verstanden, sich zum Sprecher der stärker werdenden linken Strömungen im INC zu machen. Die waren allerdings heterogen, darunter fanden sich die Congress Socialist Party (CSP) unter R. Lohia und J.P. Narayan, die Communist Party of India (CPI) - organisatorisch unabhängig vom INC, aber viele CSP-AktivistInnen waren zugleich CPI-Mitglieder, wogegen es 1939 Ausschlussverfahren gab -, die League of Radical Congressmen (LRC), d.h. die TrotzkistInnen um M.N. Roy, sowie Bauerngewerkschaften (Kishan Sabhas). (15)

Als am 29. Januar 1939 der neue Präsident des INC, der infolge einer Tradition jedes neue Kalenderjahr wechseln sollte, gewählt werden sollte, stellte sich Bose gegen alle bisherige Konvention erneut zur Wahl. Bose verband seine Wiederwahl mit einem Ultimatum an die britischen Kolonialherrn und wollte gemäß dem traditionell indischen Slogan „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ die krisenhafte internationale Lage für nationale Zwecke nutzen: Innerhalb von sechs Monaten sollte Indien die Unabhängigkeit gewährt werden, andernfalls würde - nach 1920-22 und 1930/31 - dritte große Massenkampagne zivilen Ungehorsams gestartet. Gandhi sorgte sich dagegen um die aufkommende kommunalistische Gewalt zwischen Hindus und MuslimInnen im Land und meinte, die nötige kommunale Geschlossenheit für solch eine Kampagne fehle zur Zeit. Gandhi entschied sich nun gegen Boses Widerwahl und stellte mit P. Sitaramayya einen unbekannten Gegenkandidaten auf (Gandhi selbst war 1935 offiziell aus dem INC ausgetreten, um unabhängig agierende gewaltfreie Aktionsgruppen aufzubauen, die Sarva Seva Sangh; und kandidierte daher nicht mehr selbst um Führungsfunktionen). Bose gewann in einer Kampfabstimmung mit vielen Stimmen der Linken im entscheidenden Delegiertengremium des INC, dem Working Committee: genau mit 1580 gegen 1375 Stimmen. Doch nun bekämpfte Gandhi Bose mit einer perfiden Taktik des Rückzugs: Er zog alle seine ihm nahe stehenden MitarbeiterInnen zurück und paralysierte damit praktisch das Working Committee. Schon drei Monate später, beim Tripuri-Kongress des INC, verlor Bose die Unterstützung der CSP unter Jayaprakash Narayan und eine wichtige zusätzliche Abstimmung:

„Deren bedeutendste Führungsperson, Jayaprakash Narayan, war verärgert über Boses Festhalten an einem zeitlich befristeten Ultimatum. (...) Narayan und viele andere führende CSP-Aktivisten glaubten zudem, dass Gandhi die essentielle Person in der nationalen Bewegung war. Sie hofften, aus ihm einen Sozialisten zu machen, aber wie auch Nehru konnten sie sich keine Massenbewegung im Land ohne Gandhi vorstellen.“ (16)

Jawaharlal Nehru wiederum, ebenfalls eine Galionsfigur der INC-Linken, näherte sich zu dieser Zeit immer mehr Gandhi an. Er verwahrte sich dagegen, den Konflikt Bose-Gandhi als Links-Rechts-Konflikt zu begreifen und schrieb am 4. Februar 1939 in einem Brief an Bose:

„Ich weiß nicht, wen du als Linken und wen du als Rechten betrachtest. Die Art, wie diese Worte von dir in deinen Reden während der Präsidentschaftswahl gebraucht wurden, scheint sagen zu wollen, dass Gandhi und diejenigen, die im Working Committee zu seiner Gruppierung gezählt werden, die rechten Führungspersonen sind. Ihre Gegner, wer immer das auch sei, sind die Linken. Das scheint mir eine völlig falsche Beschreibung zu sein. Mir scheint es so, als stünden viele so genannte Linke weiter rechts als die so genannten Rechten.“ (17)

Nehru wusste wohl kaum, wie recht er behalten sollte. Sogar Bose-Biograph Gordon kommt zu folgenden Einschätzungen:
„Die Linke, bei der Wahl Boses vereint, war nun gespalten, wobei einige auf Seiten der Linken Nehru darin zustimmten, dass die nationale Einheit wichtiger war und Gandhi die Führungsperson dieser Einheit unter den Nationalisten. In der marxistischen Terminologie jener Zeit: nationale Einheit vor Klasseneinheit.“ Und: „Viele der Linken näherten sich Gandhi genau zu der Zeit an, als sie Bose dazu aufrief, gegen Gandhis Programm und den gandhianischen Führungsanspruch zu rebellieren.“ (18)
Für Gandhis Widerstand gegen Bose waren aber noch weitere Gründe ausschlaggebend:

„Tatsächlich meint J.B. Kripalani, einer von Gandhis Leuten, dass Gandhi weit mehr über Boses Verbindungen zu Gewaltideologen und Boses Plänen für eine mögliche Gewaltanwendung wusste, als er jemals in der Öffentlichkeit kundtat. Gandhi wusste wahrscheinlich von Boses Treffen mit deutschen Regierungsvertretern in Bombay im Dezember 1938. Die Archivare des Indian Annual Register argumentierten in jener Zeit, dass die Veröffentlichung von Boses Buch The Indian Struggle im Jahr 1938 eine entscheidende Rolle spielte. Bis dahin war das Werk in Indien verboten. Nun konnte die alte Garde selbst nachlesen, wie wenig Bose von ihnen hielt. (...) Zudem war Gandhi klar, dass Bose zwar zunächst den Versuch eines massenhaften und gewaltfreien Kampfes befürworten würde, dass Bose jedoch bei einem Scheitern und bei einem Verfehlen der unmittelbaren Befreiung Indiens zu anderen Mitteln greifen würde. In einer Zeit, in der die Zündschnur zur Explosion der Weltkrise fast abgebrannt war, und in der er Gewalt und Korruption überhand nehmen sah, war Gandhi 1939 nicht mehr gewillt, Bose an der Spitze zu sehen.“ (19)

Als es Bose nicht gelang, Gandhi und dessen Leute unter seiner Präsidentschaft zurück ins Working Committee zu holen, trat er im Mai 1939 verärgert zurück, obwohl er die öffentliche Rückendeckung des bengalischen Dichters Rabindranath Tagore hatte. Er gründete eine eigene Fraktion im INC, den Forward Bloc und rief am 9. Juli 1939 gegen die Beschlusslage des INC auf eigene Faust zu einer Kampagne zivilen Ungehorsams auf, die jedoch - etwa nach Peter Ward Fay, einem US-amerikanischen Bose-Apologeten -, „zersplittert und fragmentarisch“ blieb. (20) Darauf hin schloss das Working Committee des INC im August 1939 Bose von allen wählbaren Gremien des INC für drei Jahre mit sofortiger Wirkung aus. (21) Bose war nun innerhalb der Unabhängigkeitsbewegung völlig isoliert und politisch erledigt.


Kriegsbeginn, „individuelle Satyagraha“ und Boses Flucht nach Nazi-Deutschland

Symptomatisch war die Reaktion von Bose, als am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg begann: Er „tanzte um den Raum wie ein fröhlicher Schuljunge.“ (22) Ganz anders die Reaktion von Gandhi und Nehru:
„Der Congress (...) sympathisierte mit den Opfern der faschistischen Aggression und seine unmittelbare Reaktion war, den antifaschistischen Kräften zu helfen. Gandhis Reaktion war hoch-emotional. (...) Die offizielle Position des Congress wurde auf einem Treffen des Working Committee in Wardha vom 10.-14. September besprochen, zu dem aufgrund einer alten nationalen Tradition der Schlichtung auch Subhas Bose (...) eingeladen wurde. Doch es traten scharfe Differenzen hervor. Gandhi sprach seine Sympathie für die Alliierten aus. Er glaubte, es gebe einen deutlichen Unterschied zwischen den demokratischen Staaten Westeuropas und dem totalitaristischen Nazi-Staat mit seinem Anführer Hitler. Die Sozialisten (CSP; d.A.) und Subhas Bose argumentierten, dass der Krieg ein imperialistischer Krieg sei, weil beide Seiten darum kämpften, koloniale Territorien zu gewinnen oder zu verteidigen. (...) Der Congress solle die Situation ausnutzen, um die Freiheit zu erringen, indem sofort eine Bewegung zivilen Ungehorsams gestartet werde. Jawaharlal Nehru hatte seinen eigenen Standpunkt. Er warnte die Welt seit Jahren gegen die Gefahren der Nazi-Aggression und machte eine scharfe Unterscheidung zwischen Demokratie und Faschismus. Er glaubte, die Gerechtigkeit sei auf der Seite Großbritanniens, Frankreichs und Polens. Aber er war ebenso überzeugt davon, dass Großbritannien und Frankreich imperialistische Mächte waren und dass der Krieg ein Ergebnis innerer Widersprüche des Kapitalismus sei, die seit dem 1. Weltkrieg zugenommen hätten. Er argumentierte daher, dass Indien weder am Krieg teilnehmen solle, bis es selbst die Freiheit errungen habe, noch Vorteile aus den gegenwärtigen Schwierigkeiten Großbritanniens ziehen dürfe, indem eine unmittelbare Kampfphase eingeleitet werde. Gandhi sah, dass seine Position selbst von seinen nahen Gefolgsleuten wie Sardar Patel und Rajendra Prasad nicht geteilt wurde. Deshalb entschied er sich, Nehrus Position zu unterstützten, die vom Working Committee schließlich angenommen wurde.“ (23)

Nun allerdings verschob sich wiederum die Gemengelage auf Seiten der Linken:
„Eine Alternative zur Position der dominierenden Führerungsgruppe kam von einer Koalition verschiedener linker Gruppen: Subhas Bose und seinem Forward Bloc, der Congress Socialist Party, der Communist Party, den Royists, etc. Die Linke charakterisierte den Krieg als imperialistischen Krieg und behauptete, die Krise sei eine Gelegenheit, die Freiheit durch einen umfassenden Kampf gegen den britischen Imperialismus zu erringen. (...) Subhas Bose wollte, dass die Linke den Congress spalten sollte, wenn der den Kampf nicht suche. Er wollte einen Parallel-Congress aufbauen und den Kampf auf eigene Faust beginnen. (...) CSP und CPI unterschieden sich von dieser Position. Sie waren davon überzeugt, dass Bose den Einfluss der Linken weit überschätzte und kein Kampf ohne die Führung Gandhis und des Congress durchgeführt werden konnte.“ (24)

In dieser verfahrenen Situation zeigte sich die ganze politische Weitsicht und Weisheit des ebenso moralischen wie politischen Taktikers Gandhi. Erst am 17. Oktober 1940, als einerseits der Druck der Linken, endlich loszuschlagen, zu stark wurde, andererseits der Luftkrieg um England (1940-41) bereits in vollem Gange war, startete Gandhi eine bisher noch nie praktizierte Kampagne des symbolischen „individuellen Satyagraha“ (Satyagraha: Kampagne gewaltfreien Widerstands; d.A.), in welcher der bisher übliche Massenwiderstand durch den Widerstand einzelner Satyagrahis ersetzt wurde und daher relativ wenig britische Truppen und Ordnungskräfte band, die ansonsten im Krieg gebraucht wurden. „Die individuelle Satyagraha verfolgte zwei Ziele: Während sie dem starken politischen Gefühl innerhalb der indischen Bevölkerung Ausdruck verlieh, gab sie der britischen Regierung weiter Gelegenheit, die indischen Forderungen auf friedlichem Wege anzunehmen. Gandhi und der Congress waren aufgrund ihrer antinazistischen Beweggründe immer noch zurückhaltend, die Lage der Briten auszunutzen und ihre Kriegsanstrengungen durch einen Massenaufstand in Indien zu behindern.“ (25)
Doch die britische Kolonialmacht fragte nicht weiter beim INC nach. Ohne Konsultation wurden indische Truppen der Royal Indian Army an nahezu allen Kriegsfronten eingesetzt (26) und alle Angebote des INC zur Mithilfe bei den Kriegsanstrengungen unter der Prämisse einer Garantie der indischen Unabhängigkeit abgewiesen.

Bei einer allgemeinen Einschätzung der Positionen zur alliierten Kriegsführung im Zweiten Weltkrieg muss eine zeitliche Zweiteilung berücksichtigt werden: Bei Kriegsbeginn und bis zum Ende der Luftschlacht um England 1941 war die Kolonialmacht aus der Sicht Gandhis unmittelbar durch eine mögliche Okkupation durch die Nazis bedroht und so verbot sich eine Ausnutzung der Situation sowohl aus moralischen wie aus antifaschistischen Gründen. Als sich der Krieg jedoch auf anscheinend unbestimmte Zeit hinzog, sich nach dem ersten Rückschlag der Nazi-Truppen bei der versuchten Eroberung Moskaus im Winter 1941/42 eine Wende abzeichnete und England nicht mehr unmittelbar bedroht war, erhöhten sich aus Sicht Gandhis auch die ideologischen und praktischen Freiräume für Aktivitäten der indischen Unabhängigkeitsbewegung. In diesem Zusammenhang muss dann die Vorbereitung und schließliche Durchführung der massenhaften „Quit-India“-Bewegung unter Führung Gandhis im August 1942 gesehen werden, die hier im einzelnen nicht weiter dargestellt werden kann. (27)

Bose dagegen war nach seiner neuerlichen politischen Niederlage nach Kriegsbeginn endgültig isoliert und sah keine Möglichkeit mehr, seine Vorstellung vom unmittelbar nötigen Widerstand innerhalb der politischen Konstellation Indiens durchzusetzen. Er wollte nun die kriegsgefangenen indischen Soldaten im Weltkrieg aufsammeln und eine Armee aufbauen, die Indien von außen befreien sollte. Doch bei wem sollte er Unterstützung suchen? Bei der Sowjetunion, in Deutschland oder Italien? Den Ausschlag gab neben seinen bereits bestehenden Kontakten nach Deutschland Boses Faszination für die nackte militärische Effizienz:
„Als er über die Kriegssituation eine Rede nach der anderen hielt, dachte Bose im Jahr 1940, wie viele andere auch, dass die Achsenmächte den Krieg gewinnen würden. Er mochte ihren Rassismus und auch ihr totalitaristisches System nicht, aber er war seit langem fasziniert von der Ausbildung an Waffen, und die Deutschen demonstrierten gerade die Früchte solcher Ausbildung.“ (28) Er floh Mitte Januar von Kalkutta über Kabul und Moskau nach Berlin, wo er am 2. April 1941 eintraf.


Hitler zeigt Bose die kalte Schulter

Nun begann für Bose einerseits eine Phase weit reichender Kollaboration mit den Nazis, andererseits eine geradezu peinliche Desillusionierung, denn Hitler hatte keineswegs - wie von Bose erhofft - Sympathien für die indischen Unabhängigkeit, ganz im Gegensatz übrigens zu Mussolini, dessen Politik tatsächlich die antikolonialen Bewegungen stärken wollte. Doch Bose zog die waffentechnisch und kriegstaktisch modernere Achsenmacht den militärisch zu schwachen Italienern vor.
Sofort nach seiner Ankunft glaubte Bose, den Nazis Bedingungen für eine Kollaboration stellen zu können. Am 3. April 1941 legte er dem Unterstaatssekretär Woermann seine Pläne vor:
„Zunächst wollte er eine indische Exilregierung aufstellen und erwarte dafür die Unterstützung der Achsenmächte. Weiterhin wollte er durch entsprechende Propaganda Aufstände in Indien anfachen. Schließlich sollten die Achsenmächte mit einer Streitmacht von 100.000 Mann in Indien einmarschieren, um das Land von der englischen Herrschaft zu befreien. Er rechnete vor, dass die Indische Armee nur aus 300.000 Mann bestehe, von denen aber höchstens 70.000 Engländer seien. Die übrigen Soldaten seien jederzeit zum Abfallen bereit.“ (29)

Damit ging Bose noch über die Kriegsziele der Nazis hinaus. Dass er sogar - entgegen seiner Positionierung auf Seiten der indischen Linken - bereit war, die Interessen der Nazis denen der Sowjetunion vorzuziehen, beweist sein Zusatz-Memorandum vom 3. Mai 1941:

„Als Belohnung für ihr Engagement im Orient versprach Bose‚ eine lange Kette von pro-deutschen, befreundeten Nationen’ von Nordafrika bis Japan. Ohne vom bevorstehenden ‚Unternehmen Barbarossa’ Kenntnis haben zu können, wies er darauf hin, dass Deutschland die Sympathien der orientalischen Völker auf seiner Seite haben müsse, wenn ein Konflikt mit der Sowjetunion oder der Türkei in Zukunft unvermeidlich sei.“ (30)

Die von Bose geforderte Erklärung der Achsenmächte über die Unterstützung der indischen Unabhängigkeit sowie die Bildung einer Exilregierung kamen während seines Aufenthalts in Deutschland nicht zustande:

„Hitler befürchtete, eine Indienerklärung könne den Briten zu diesem Zeitpunkt einen Vorwand zum Einmarsch nach Afghanistan geben. Hintergrund seiner Entscheidung kann aber auch gewesen sein, dass er die Hoffnung auf eine Verständigung mit den Engländern noch nicht aufgegeben hatte. Im kleinen Kreis im Führerhauptquartier äußerte Hitler, dass er die Inder für unfähig halte, sich selbst zu regieren: ‚Wenn die Engländer aus Indien herausgetrieben würden, so würde Indien verkommen.’ Vermutlich hielt Hitler dieses Urteil aufgrund seines rassistischen Weltbildes für selbstverständlich und fürchtete, sich der Lächerlichkeit preiszugeben, wenn er allen Ernstes für die Unabhängigkeit Indiens eintreten würde.“ (31)

Im Gegensatz zu manch nazistischen Ariosophen wie etwa Himmler war Hitler überhaupt nicht indiophil. Aus der alldeutschen, antisemitischen und ariosophischen Thule-Gesellschaft entstand im Oktober 1918 die Deutsche Arbeiterpartei (DAP), zu der 1919 Hitler stieß, woraus 1920 die NSDAP gegründet wurde. „Die NSDAP übernahm von der Thule-Gesellschaft das (aus dem indischen Hinduismus und auch Buddhismus stammende; d.A.) Hakenkreuz als Symbol, wobei Hitler entschied, die Haken nach rechts zeigen zu lassen.“ (32) Hitler stellte die Rechtmäßigkeit europäischer Kolonialmächte immer über antikoloniale Unabhängigkeitsbestrebungen, weil er meinte, die rassische Reinheit der vor 3000 Jahren in Indien eingewanderten Arierstämme sei mittlerweile durch Rassenmischung verseucht. Besonderen Hass entwickelte Hitler dabei auf Gandhis Gewaltlosigkeit, die er als bastardartiges Produkt der Rassenvermischung betrachtete. Am 19. November 1937 empfahl Hitler dem britischen Politiker Halifax, „Gandhi einfach zu erschießen.“ (33) Dem folgte sein nationalsozialistischer Parteiideologe Alfred Rosenberg in dem ideologisch für die Nazis bedeutsamen Buch Der Mythus des 20. Jahrhunderts:

„Rosenberg stellt fest, dass in Indien ‚der Arier bis auf ganz geringe Spuren untergegangen ist. Hinterlassen hat er Heldengesänge, eine tiefe, große Philosophie, die später ins Extreme, Uferlose, Dschungelartige getrieben, das Rassenchaos förderte.’ Er bezweifelte, dass aus den letzten Arierresten abermals ein arisches Volk ‚gezüchtet’ werden kann. Die ‚rassische Substanz’ der alten indischen Kultur sei bis auf ganz geringe Überreste verschwunden: ‚Deshalb zeugte Indien auch nur den müden Gandhi mit seinem Pazifismus, nicht einen eine Neuschöpfung verkörpernden Feldherren. Rosenberg wendet sich gegen die ‚sentimentale Gandhi-Verzückung’. Vom ‚nordischen und deutschen Standpunkt’ aus gesehen sei die britische Herrschaft über Indien zu stützen, ‚bei vollster Sympathie zu dem großen Indien der Vergangenheit.’ Schon ein Dominion-Status für Indien werde zu rassischer Vermischung und damit zum ‚Niedergang der Weißen’ führen.“ (34)

So lehnte Hitler auch bei seinem Zusammentreffen mit Bose am 27. Mai 1942 alle Forderungen Boses nach einer Indienerklärung ab. Bose tappte bei dem Treffen übrigens von einer peinlichen Ungeheuerlichkeit in die nächste:
„Nach seinem Eintreffen im Hauptquartier begrüßte Bose Hitler als alten Revolutionär. (...) Er dankte für die Unterstützung, die er in Deutschland erhalten habe, und bat Hitler, ihm als alter und erfahrener Revolutionär einige Ratschläge zu erteilen. (...) Bose brachte zwei Bitten vor. Erstens möge Hitler doch dem indischen Volk erklären, wie er die Äußerungen über Indien in Mein Kampf gemeint habe. Zweitens brauche Indien Deutschlands moralische und diplomatische Unterstützung, um nicht allein auf Japan angewiesen zu sein. Hitler erklärte Bose, die bewusste Passage in seinem Buch habe er vor einem rein innenpolitischen Hintergrund geschrieben, um deutlich zu machen, dass er passiven Widerstand nach indischem Muster für eine in Deutschland nicht brauchbare Methode halte. Unterstützung wolle er Indien schon gewähren, aber nur wirtschaftliche, denn die Macht eines Landes reiche nur so weit wie sein Schwert.“ (35)

Gegenüber dem Ariosophen Himmler erklärte Hitler am 3. März 1942 die seiner Ansicht nach zivilisatorische Funktion des Kolonialismus:
„Ich stehe da auf dem Standpunkt der britischen Tories: Wenn ich ein freies Land unterwerfe, nur um ihm die Freiheit wiederzugeben, wozu das? Wer Blut vergossen hat, hat auch das Recht, die Herrschaft auszuüben. (...) England hat Indien ausgewertet, aber die englische Herrschaft hat dem Lande schon auch genützt.“ (36)

Unter den Bedingungen des fortschreitenden Krieges und enttäuscht durch die unnachgiebige Haltung Großbritanniens nahm die Nazi-Führung jedoch eine pragmatische Haltung gegenüber Bose ein und unterstützte ihn in seinem Bemühen, die von Rommels Afrika-Korps gefangenen indischen Soldaten in britischen Diensten im Kriegsgefangenenlager Annaburg zu einer Indischen Legion auszubilden. Dass mit dem Überfall auf die Sowjetunion seit dem 21. Juni 1941 der direkte Landweg nach Indien verbaut war, beunruhigte Bose nur kurzzeitig. Jenseits jeder Realität träumte er weiter von der Eroberung Indiens über den kontinentalen Landweg:

„Zunächst sollten 25 bis 34 gut ausgerüstete Divisionen des deutschen Afrika-Korps den Weg bis zum Hafen von Basra freikämpfen. Anschließend würden Boses Soldaten zusammen mit den aufständischen Stämmen der indischen Nordwestgrenze und Überläufern der (Royal) Indian Army in Indien einmarschieren.“ (37)

Albert Speer zufolge erwog Hitler im Sommer 1942 kurzzeitig ebenfalls einen solchen Vorstoß nach Indien, von Hitler selbst ist das nicht belegt. Für diesen Fall hatte Gandhi jedoch bereits im Februar 1942 angekündigt: „Wenn die Nazis nach Indien kommen, werden sie vom Congress genauso bekämpft wie Großbritannien.“ (38) Die Hoffnungen Boses zerstoben schnell durch die bald folgenden Niederlagen des Afrika-Korps. Seit Ende Mai 1942 bemühte sich Bose daher um eine Verlegung - ob durch Flugzeug oder U-Boot - nach Japan, dessen Armeen Singapur besetzt hatten, dabei viele indische Soldaten der Royal Indian Army gefangen genommen hatten und bald darauf in Burma an der indischen Grenze standen. Im Februar/März 1943 wurde Bose schließlich in deutschen und japanischen U-Booten um die halbe Welt gefahren und ins japanische Herrschaftsgebiet gebracht. (39)
Doch bleiben wir bei den Peinlichkeiten Boses in Nazi-Deutschland. Für die aufzustellende Indische Legion formulierte Bose folgende Bedingungen:

„Sie dürfe nur gegen britische Streitkräfte in Indien oder auf dem Weg dorthin kämpfen. (...) Die Legion sollte an der kaukasischen Front zum Einsatz kommen.“ (40)
Diese Forderungen vermischten sich mit der zynischen, nationalistisch-egozentrischen Praxis Boses, über unangenehme Realitäten der zu Hilfe gerufenen Macht, nämlich der nazistischen Barbarei in Europa, einfach hinwegzusehen:
„Bei seinen Bemühungen, Landsleute zur Mitarbeit zu bewegen, stieß Bose oft auf Vorbehalte. Viele Inder hatten persönlich schlechte Erfahrungen mit den Nationalsozialisten gemacht und konnten sich nur schwer dazu überwinden, nun mit ihnen zusammenzuarbeiten. Mookerjee (ein Mitarbeiter Boses; d.A.) berichtet, dass Boses immer wieder vorgebrachtes Argument ‚Englands Feind ist mein Freund’ die freiheitsliebenden Inder überzeugte. Auch wenn die Deutschen den indischen Freiheitskampf unterstützten, soll Bose ausgeführt haben, so bleibe er doch eine rein indische Sache. Was die Deutschen in Europa täten, sei in diesem Zusammenhang gleichgültig.“ (41)

Zum wiederholten Male kümmerten sich die Nazis nicht um Boses naive Forderungen. Die Geschichte der Indischen Legion ist dann auch besonders trist: Die auf ihrem Höchststand ungefähr 3000 indische Soldaten umfassende Legion wurde entgegen Boses Willen zunächst in den Niederlanden, dann in Frankreich und Italien auf dem westeuropäischen Kriegsschauplatz eingesetzt. Das Gros der Indischen Legion schützte den Atlantikwall der Nazis südlich von Bordeaux und fiel beim Rückzug nach der Landung der Alliierten durch brutale Bekämpfung von Résistance-Gruppen sowie einige Fälle von Vergewaltigung französischer Frauen auf. So endete die bewaffnete Befreiung Indiens im Sinne Boses durch indische Soldaten im Dienste der Nazis am französischen Westwall. (42)

Der Mythos Bose

Die Dimension der Kollaboration Boses mit den Nazis war also - abschließend betrachtet - von bisher ungekannten, umfassenden Ausmaßen. Abgesehen von einer organisatorischen Zentrale Freies Indien, zweisprachigen Propaganda-Publikationen und Zeitschriften, sowie ein in Indien empfangbares Kurzwellenradio Azad Hind (43) wurden dabei von den Nazis alle essentiellen, mit unglaublicher Naivität vorgebrachten Forderungen Boses abgelehnt. Der stolze, militante Nationalist der indischen Linken wurde zur Marionette - ein Schicksal, das vielen Quislingen vorbehalten war, die ja immer auch nationale Eigeninteressen mit der Unterordnung unter die Herrschaft der Nazis verbanden. Ein ähnliches Desaster sollte sich für Bose in Südostasien bei Aufbau und Kriegseinsatz der Indian National Army (INA) unter der Vorherrschaft Japans wiederholen. (44)

Während die Wirklichkeit bei näherem Hinsehen nicht nur trist, sondern in höchstem Maße anti-emanzipatorisch war - Bose hatte nur schwer zu verbergende Tendenzen zu militaristischem und diktatorischem Gebaren -, schoss nach Boses Tod 1945 ein bengalisch-nationalistischer Mythos ins Kraut, der in seinem Furor, alle Problematiken zu übertünchen und Bose zum fortschrittlichen und freiheitsliebenden Nationalhelden zu machen, seinesgleichen sucht. Dieser bengalisch-nationalistische Mythos Bose richtet sich gleichzeitig gegen Gandhi und dessen Strategie des gewaltfreien Widerstandes. Behauptet wird, nur in Boses Legion und der INA hätte eine kommunalistische Einheit etabliert werden können, weil Hindus, Muslime und Sikhs nicht in getrennten Truppenteilen wie in der Royal Indian Army, sondern zusammen in denselben Einheiten kämpften. Solches Zusammenwirken der verschiedenen Religionsgemeinschaften hatte es jedoch in den gandhianischen Kampagnen und Kommunen ebenfalls gegeben, sie war nichts Neues in der indischen Szenerie. Behauptet wird ferner, durch die nationalistischen Kampfverbände Boses sei der Gehorsam innerhalb der Reihen der probritischen Royal Indian Army untergraben worden, so dass die Kolonialherren nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr auf ihre Armee zählen konnten, was sich nach dem für die britischen Kolonialherren desaströs verlaufenen Versuch eines Schauprozesses gegen drei INA-Mitglieder 1945 in Delhi bei der Meuterei der Royal Indian Navy (RIN)-Matrosen in Bombay und Karachi im Februar 1946 erwiesen habe. Auch dies, die Spaltung britisch-indischer Truppenteile, Überläufe, vereinzelte Meutereien und Desertionen, hatte es bereits zu Zeiten gandhianischer Massenkampagnen gegeben, etwa 1930 bei der Kommune von Peshawar, wo die gesamte städtische Garnison den Einsatz verweigerte. Dem Prozess von Delhi und der damit einher gehenden Agitation für die Verwirklichung britischer Versprechen für die nach dem Krieg zu gewährende Unabhängigkeit lag keine Strategie Boses zugrunde, sondern diese Agitation kam ganz und gar dem INC zugute, für den Nehru die Angeklagten verteidigte (und dabei deren Mut und Legitimität, aber nicht deren Kampfform oder die Wahl ihres Bündnispartners rechtfertigte). Dass die Royal Indian Army nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr zu gebrauchen war, war zudem bei der von einem aus Marathis bestehenden Bataillon durchgeführten brutalen Repression gegen die meuternden Bombayer Matrosen und Arbeiter 1946 nicht festzustellen. (45)

Die Vorwürfe der bengalischen Bose-ApologetInnen an Gandhi kulminieren schließlich in einer Schuldzuweisung angesichts der Teilung der Kolonie in Indien und Pakistan, die gleichzeitig die Teilung Bengalens als auch die Teilung des Punjab (nordwestlicher Teil Indiens, der Religionsgemeinschaft der Sikhs zugehörig) bedeutete. Sowohl Bengalen wie auch die Punjabis haben ihre Regionalhelden (im Punjab ist es ein antikolonialer Terrorist Ende der zwanziger Jahre, Bhagat Singh, der 1930 von den Briten hingerichtet wurde), die im Gegensatz zum aus dem westindischen Gujarat stammenden Gandhi bewaffnet gegen die Kolonialmacht gekämpft haben. Doch für die Teilung bei der Unabhängigkeit ist zuallererst die Kolonialmacht Großbritannien und ihre Politik des „divide et impera“ („Teile und Herrsche“) verantwortlich zu machen. Ob Bose (bzw. Singh) die Teilung mit ihrer Taktik und Strategie hätten verhindern können, gehört vollständig ins Reich der Spekulation, weil beide in der entscheidenden Phase nicht mehr lebten. Was Boses Aufenthalt in Europa 1941-43 betrifft, finden sich eher Anzeichen dafür, dass Boses Einfluss bei weitem nicht dafür ausgereicht hätte, denn sogar im Bose sehr zugeneigten Italien setzte sich gleichzeitig mit Mohammed Iqbal Schedai ein Konkurrent Boses durch, der sehr bald damit anfing, in italienischen Radiosendungen für Indien „die Abspaltung Pakistans von Indien zu propagieren.“ (46)

Boses heutige Popularität vor allem in Bengalen rührt daher vor allem aus einem verletzten Nationalstolz der Bengalis, deren intellektuelle Tradition groß ist, aber gleichzeitig eine gewisse Arroganz gegenüber dem - angeblich zurückgebliebenen - übrigen Indien aufweist: „Was Bengalen heute denkt, denkt ganz Indien morgen!“, lautet etwa ein bengalisch-nationalistischer Slogan. Nachdem im 19. Jahrhundert die kulturelle Erneuerung und erste Erfolge der Unabhängigkeitsbewegung immer von Bengalen ausgingen, verlagerte sich im frühen 20. Jahrhundert deren Zentrum auf die anderen Regionen Indiens. „Während der ersten 32 Jahre des Congress waren rund ein Drittel seiner Präsidenten Bengalis. Seit 1917 (...) kamen jedoch nur zwei weitere Personen auf diese Ehrenliste: C.R. Das und Subhas Bose. Bose ahnte wohl kaum, wie sehr seine Vorahnung von der virtuellen Verdrängung der Bengalis vom Machtzentrum Indiens stimmen sollte.“ (47)

Dass es zu solch einer Verdrängung tatsächlich kam, hat sich Bose allerdings zum größten Teil selbst zuzuschreiben. Dem Mythen aufsitzenden bengalischen Nationalismus kann man/frau mit solchen Realitäten aber bis heute nicht kommen. Eine selbstkritische Betrachtung der Rolle und der Taktik Boses im Unabhängigkeitskampf sowie des gekränkten Nationalstolzes der Bengalen steht bis heute im wesentlichen noch aus.

Lou Marin


Anmerkungen:

(1): Lothar Günther: Von Indien nach Annaburg. Indische Legion und Kriegsgefangene in Deutschland, Verlag am Park, Berlin 2003, S. 9.

(2): Vgl. mehrere Presseberichte, u.a. Website von 3sat: Der letzte Held Indiens. Regisseur Benegal dreht in Deutschland: http://www.3sat.de/3sat.php?http://www.3sat.de/kulturzeit/themen/49222/
(3): Günther, a.a.O., S. 10.

(4): Vgl: Rheinisches JournalistInnenbüro (Hg.): „Unsere Opfer zählen nicht.“ Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg, Verlag Assoziation A, Berlin/Hamburg 2005, S. 255ff.

(5): Thomas von der Osten-Sacken: Monströse Visitenkarte, Jungle World 43/01, S. 21.

(6): Alfred Schobert: Linke Bellizisten auf Gespensterjagd, in: Graswurzelrevolution, Nr. 266, Febr. 2002, S. 10.

(7): Günther, a.a.O., S. 17f.

(8): Besonders detailliert geschildert wird diese Verbindung in dem äußerst wertvollen und materialreichen Buch von Jan Kuhlmann: Subhas Chandra Bose und die Indienpolitik der Achsenmächte, Verlag Hans Schiler, Berlin 2003.

(9): Bose, zit. nach Kuhlmann, ebenda, S. 22, Übersetzung durch den Autor. Auch alle weiteren Zitate aus englischsprachigen Quellen in diesem Aufsatz wurden durch den Autor ins Deutsche übersetzt.

(10): Subhas Chandra Bose: A Word about Germany, in S.C. Bose: Crossroads. The Works of Subhas Chandra Bose 1938-40, Netaji Research Bureau, Calcutta 1962, S. 287f.

(11): R. Palme Dutt: Interview mit Bose, im Daily Worker, 24.1.1938, zit. nach Kuhlmann, a.a.O., S. 22f.

(12): zit. nach Kuhlmann, a.a.O., S. 106.

(13): Günther, a.a.O., S. 18f.

(14): Subhas Chandra Bose: A Letter to Jawaharlal Nehru, in S.C. Bose: Crossroads, a.a.O., S. 117.

(15): Vgl. Leonard A. Gordon: Brothers Against the Raj. Sarat & Subhas Chandra Bose, Rupa, Calcutta 1990, S. 376.

(16): Gordon, a.a.O., S. 379.

(17): Nehru, zit. nach Bipan Chandra et al.: India’s Struggle for Independence, Penguin, New Delhi 1988, S. 445.

(18): Gordon, a.a.O., S. 380 und 391.

(19): Gordon, a.a.O., S. 387.

(20): Peter Ward Fay: The Forgotten Army. India’s Armed Struggle for Independance 1942-1945, Rupa, Calcutta 1994, S. 198. Fay macht im Detail viele Falschangaben, seine Daten und auch seine Bewertungen sind mit Vorsicht zu genießen.

(21): Vgl. Gordon, a.a.O., S. 400.

(22): M.A.H. Ispahani, zit. nach Peter Ward Fay, a.a.O., S. 198.

(23): Bipan Chandra et al., a.a.O., S. 448f.

(24): Bipan Chandra et al., a.a.O., S. 452.

(25): Bipan Chandra et al., a.a.O., S. 453.

(26): Siehe hierzu unzählige Beispiele in: Rheinisches JournalistInnenbüro (Hg.): „Unsere Opfer zählen nicht.“ Die Dritte Welt im Zweiten Weltkrieg, Verlag Assoziation A, Berlin/Hamburg 2005, besonders S. 261ff.

(27): Falsch ist deshalb die Darstellung des Rheinischen JournalistInnenbüros (siehe Anm. 26), was die allgemeine Bewertung der Positionen Gandhis und Nehrus zum Zweiten Weltkrieg betrifft. Zwar erwähnen sie die Gegnerschaft von Gandhi/Nehru zu Bose (S. 255), im weiteren aber schreiben sie für die Zeit des Kriegsbeginns vorwurfsvoll: „Die führenden indischen Politiker unterstützten die britischen Rekrutierungskampagnen nicht. Als der Krieg begann, hatte Mahatma Gandhi bereits fast ein halbes Jahrhundert gegen die Herrschaft der britischen Kolonialmacht in Indien gekämpft und stand keineswegs bedingungslos auf Seiten der Alliierten.“ (S. 262) Die erste probritische Reaktion Gandhis sowie die bewusst abwartende und nicht behindernde Funktion des individuellen Satyagraha während der Luftangriffe auf England werden überhaupt nicht erwähnt. Eine Zweiteilung des Kriegsverlaufs in eine Phase der unmittelbaren Bedrohung Englands einerseits und der späteren Kriegsentwicklung andererseits wird nicht gemacht. Der Gipfel der Fehleinschätzung ist schließlich das Lob der AutorInnen für die Kommunistische Partei Indiens (CPI): „Nur die Kommunistische Partei Indiens plädierte - nach dem Kriegseintritt der Sowjetunion 1941 - dafür, ‚weniger auf die traditionellen oppositionellen Taktiken zu vertrauen, als die Kooperation mit den demokratischen Mächten des Westens zu suchen, die in diesem Krieg mit der Sowjetunion verbündet sind.’“ (S. 263) Damit wird nicht nur Gandhis Position und Taktik abgewertet, sondern auch geflissentlich verschwiegen, dass die CPI in den ersten Kriegsjahren, als England tatsächlich angegriffen wurde und von einer realen Invasion der Nazis bedroht war, den Krieg als antiimperialistischen Krieg interpretierte und mit Bose dafür war, die Situation der Schwäche des Kolonialherrn durch eine Widerstandskampagne auszunutzen. Nur Gandhis Widerstand verhinderte eine Durchsetzung solcher Positionen.

(28): Gordon, a.a.O., S. 410.

(29): Kuhlmann, a.a.O., S. 131.

(30): Kuhlmann, a.a.O., S. 137.

(31): Kuhlmann, a.a.O., S. 188.

(32): Kuhlmann, a.a.O., S. 44.

(33): Kuhlmann, a.a.O., S. 55.

(34): Alfred Rosenberg: Der Mythus des 20. Jahrhunderts, zit. nach Kuhlmann, a.a.O., S. 45.

(35): Kuhlmann, a.a.O., S. 227f.

(36): Kuhlmann, a.a.O., S. 213.

(37): Kuhlmann, a.a.O., S. 234.

(38): M.K. Gandhi: Suppose Germany Wins, in: Harijan, 15.2.1942, zit. nach Kuhlmann, a.a.O., S. 235. Ähnliche Ankündigungen entschlossenen Widerstands machte Gandhi später auch gegenüber Japan.

(39): Kuhlmann, a.a.O., S. 250ff.

(40): Kuhlmann, a.a.O., S. 236.

(41): Kuhlmann, a.a.O., S. 174.

(42): Vgl. Kuhlmann, a.a.O., S. 328ff., sowie: Günther, a.a.O., S. 53-117.

(43): Die Fernwirkung des Nazi-Radios Azad Hind besonders bei der Quit-India-Bewegung vom August 1942 wird vom ansonsten sehr wissenschaftlich und genau arbeitenden Forscher Jan Kuhlmann nach meinem Eindruck maßlos übertrieben: „Die Wirkung seiner Reden (Boses in Radio Azad Hind; d.A.) ist in den Berichten der indischen Polizei dokumentiert. Dass Bose aus der Ferne, während die anderen führenden Politiker im Gefängnis saßen, gleichsam die Führung des Aufstandes übernahm und ihn in Gang hielt, war ein wesentlicher Beitrag zum Erfolg des indischen Freiheitskampfes.“ (Kuhlmann, a.a.O., S. 356) Das ist wohl reines Wunschdenken und es ist davon auszugehen, dass die indische Polizei den Nazi-Sender genauer abhörte als die indischen Bauern und Bäuerinnen in ihren Dörfern, die sich an der Quit-India-Bewegung massenhaft beteiligten. In anderen historiographischen Darstellungen der Quit-India-Bewegung wird Boses von Deutschland aus gesteuertes Radio jedenfalls gar nicht erst erwähnt, vgl. etwa Bipan Chandra et al., S. 457-470.

(44): Vgl. das bereits erwähnte Buch von Peter Ward Fay, siehe Anm. 20. Auch wenn sich der Autor nach Kräften bemüht, ein gegenteiliges Bild zu zeichnen, wird aus den Fakten der Geschichte der Indian National Army klar, dass sie eindeutig den Prämissen der japanischen Kriegsführung untergeordnet und Bose im südostasiatischen Kriegsschauplatz nicht mehr als eine Marionette Japans war.

(45): Zu den oft interessegeleiteten Übertreibungen von Reichweite, Stärke, Dauer und Bedeutung der Nachkriegsaufstände in Indien vgl. Bipin Chandra et al., besonders S. 479ff. Dort auch der datierbare Beleg, dass die britische Entscheidung, Indien in die Unabhängigkeit zu entlassen, unabhängig von Ausbruch und Verlauf dieser Nachkriegsaufstände gefällt wurde, z.B. zeitlich vor der RIN-Meuterei in Bombay und Karachi, siehe S. 483.

(46): Kuhlmann, a.a.O., S. 278.

(47): Gordon, a.a.O., S. 409.


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