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Handbuch über die Sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1945
von Roland Roth und Dieter Rucht
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Castor-Transport nach Gorleben im vergangenen November. Rund um die kleine Gemeinde im Wendland demonstrierten 16.000 Menschen und damit so viele wie seit Jahrzehnten nicht mehr gegen Atomkraft. Tausende beteiligten sich an Blockaden, der Atommüllzug brauchte für den Weg ins Zwischenlager länger als jemals zuvor. "Wir sind wieder da, wir sind zurück, Renaissance der Anti-Atomkraftbewegung", jubelten die Organisatoren unter dem Eindruck der erfolgreichen Massenproteste gegen den Castor-Transport über ein Comeback des Widerstandes.

Juni 2007, G-8 Gipfeltreffen in Heiligendamm. Begleitet wurde dieses Politikertreffen durch verschiedene Proteste. Zum Auftakt nahmen 80.000 Menschen an einer Großdemonstration in Rostock teil. An der anschließenden Aktionswoche beteiligten sich gut 20.000 Menschen und praktizierten Zivilen Ungehorsam. Das war die größte globalisierungskritische Massenmobilisierung, die es in Deutschland je gegeben hat. "Mit dieser Bewegung wird zukünftig zu rechnen sein", resümierten die Veranstalter.

Gorleben und Heiligendamm - zwei Beispiele dafür, dass die sozialen Bewegungen entgegen anderslautenden Behauptungen alles andere als tot sind. Da allerdings eine dauerhafte Mobilisierung auf hohem Niveau eher unwahrscheinlich ist, gehört das überraschende Aufkommen, Sichtbarwerden, Abflauen ebenso zum typischen Erscheinungsbild sozialer Bewegungen, wie das erneute Auftauchen bei günstiger Gelegenheit. Das jedenfalls ist der Eindruck, der bei der Betrachtung der Geschichte unserer Republik in den vergangenen rund 60 Jahren entsteht.

Gründlich nachvollzogen werden kann diese Geschichte durch das von Roland Roth und Dieter Rucht herausgegebene Handbuch "Die sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1945". Dieses Werk macht deutlich, dass in den vergangenen Jahrzehnten die Beteiligung in sozialen Bewegungen, politischen Kampagnen, Bürgerinitiativen und Protestgruppen neben der Mitgliedschaft in Parteien, Verbänden und Vereinen einen festen Platz im Repertoire des bürgerschaftlichen Engagements erobern konnte. Ein Umstand, der es durchaus rechtfertigt, von der Bundesrepublik als "Bewegungsgesellschaft" zu reden. Zumal nach Erkenntnis der Herausgeber des Handbuchs die konventionellen Formen der politischen Partizipation in den letzten beiden Jahrzehnten an Zuspruch verloren hätten, während die neuen Formen des Engagements deutlich zulegen würden.

In ihrer Einleitung betonen Roland Roth und Dieter Rucht, dass nicht schon jeder Protest Ausdruck von sozialer Bewegung sei. Von einer solchen lasse sich erst sprechen, wenn ein Netzwerk von Gruppen und Organisationen, gestützt auf eine kollektive Identität, eine gewisse Kontinuität des Protestgeschehens sichere, das mit dem Anspruch auf Gestaltung des gesellschaftlichen Wandels verknüpft sei, also mehr darstelle als bloßes Neinsagen. Ein wesentliches Merkmal jeder Definition von sozialer Bewegung sei die Kraft zur Veränderung, zumindest der Versuch, Einfluss auf sozialen Wandel zu nehmen: fördernd oder bremsend, revolutionär, reformerisch oder restaurativ.

In und mit sozialen Bewegungen versuchten üblicherweise solche Akteure Einfluss zu gewinnen, die sich und ihre Interessen im politischen Normalbetrieb nicht, zumindest nicht angemessen, berücksichtigt sehen würden. Sie wollten die bestehenden Ungleichheitsverhältnisse, das Machtgefüge mit seinen "eingebauten" Herrschaftsansprüchen und Privilegierungen verändern.

In den ersten Kapiteln des Handbuchs widmen sich verschiedene Autoren zunächst den zeitgeschichtlichen Rahmenbedingungen für soziale Bewegungen. Dabei werden verschiedene Phasen der deutschen Nachkriegsgeschichte in ihren jeweils prägenden Wirkungen und Herausforderungen für das Entstehen dieser Bewegungen dargestellt.

Den Hauptteil des Bandes macht die Beschreibung zahlreicher größerer und kleinerer Einzelbewegungen bzw. Kampagnen aus. In 21 Kapiteln werden diese durch verschiedene Autorinnen und Autoren auf jeweils ca. 20 bis 30 Seiten übersichtlich und kompakt dargestellt. Die Arbeiterbewegung findet sich neben Frauenbewegung, Umweltbewegung, Anti-Atomkraftbewegung, Friedensbewegung und Dritte-Welt-Bewegung. Es geht um Bürger- und menschrechtliches Engagement, studentische Bewegungen und Protestkampagnen, globalisierungskritische Netzwerke und Bewegungen, Selbstverwaltete Betriebe, Kommunebewegung, Schwulenbewegung, Mobilisierung von und für Migranten, Proteste von Arbeitslosen sowie Kampagnen gegen Bio- und Gentechnik. Aufgenommen wurde ebenfalls ein Kapitel über die fremdenfeindlichen und rechtsextremen Mobilisierungen der jüngsten Zeit. Dafür dass es kein rein westdeutsches Handbuch geworden ist, sorgen zwei Kapitel, die dissidenten Gruppen sowie Protesten und Mobilisierungen in der DDR bis zu ihrem bürgerbewegten Ende gewidmet sind.

Im Schlusskapitel informieren Roth/Rucht im Überblick über die allgemeine wissenschaftliche Debatte, deren Konzepte und Theorien sozialer Bewegungen. Gleichzeitig werden hier abschließend noch der Wandel und die Wirkungen des Bewegungssektors in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg nachgezeichnet und seine aktuellen Potenziale aufgezeichnet.

Dieses eindrucksvolle Handbuch eignet sich als Nachschlagewerk für politische interessierte Menschen, die sich mit dem befassen wollen, was hierzulande über das hinausgeht, was ansonsten im politischen Normalbetrieb stattfindet und über das die Medien vor allem berichten. Wer also mehr über "das andere Deutschland" nach 1945 erfahren möchte, wer zuverlässige und verständliche Informationen über Formen, Ziele und Bedeutung sozialer Bewegungen sucht, dem ist mit diesem Buch eine reichhaltige Fundgrube an die Hand gegeben. Und wer an diesen Bewegungen teilgenommen hat oder teilnimmt, dem kann das Werk möglicherweise dazu dienen, eine Einordnung eigener Aktivitäten in die Geschichte dieser Republik besser vornehmen zu können.

Schließlich kann das Handbuch reichlich Stoff für die Auseinandersetzung mit aktuellen und zukünftigen Protesten darbieten. Die angebotene historische und analytische Tiefenschärfe ist jedenfalls für Orientierungen bestens geeignet. Insofern kann diese Beschäftigung überdies für eine Zukunftsfähigkeit förderlich sein. Denn um angesichts riesengroßer Probleme und Herausforderungen überhaupt eine Zukunft haben zu können, wird es weiterhin der Proteste und der sozialen Bewegungen brauchen. Nicht nur, aber auch.

Michael Schmid

Roland Roth/ Dieter Rucht (Hrsg.): Die sozialen Bewegungen in Deutschland seit 1945. Ein Handbuch

Campus Verlag, Frankfurt am Main/New York
770 Seiten, 98 s/w Abbildungen EAN 9783593383729. 49,90 Euro.



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