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Divergences, Revue libertaire internationale en ligne
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Communiqué vom 12. April 2011
In Freiburg wird die Gentrifizierung am grünen Tisch entschieden
Autonome Antifa Freiburg
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Am Abend des 1. April 2011 besetzten Autonome das Haus in der Johann-Sebastian-Bach-Straße 36 in Freiburg-Herdern. Das besetzte Haus wurde als politisches Wohnprojekt mit gemeinsamen Projekträumen genutzt. Rund 50 Menschen unterstützten die fünftägige Besetzung bis die Polizei am Morgen des 6. April mit einem Großaufgebot das Haus Nummer 36 und einige Nachbarhäuser in der Bachstraße durchsuchte, ohne auch nur eineN BesetzerIn anzutreffen. Die unsoziale Stadtpolitik wurde durch die Besetzung nicht nur in der Bachstraße selbst, sondern auch beim „Herdermer Bürgergespräch“ und in der Presse zum Thema.

In den fünf Tagen im April wurden die Geschichten der verbliebenen BewohnerInnen der Johann-Sebastian-Bach-Straße, die sich gegen den Abriss ihrer Wohnungen wehren, in Gesprächen lebendig. Sie berichteten von Schikanen der „Arbeiterwohlfahrt“ (AWO), die den gesamten Straßenzug von der Freiburger Stadtbau gepachtet hat, und erzählten vom langsamen Verfall und der kontinuierlichen Entmietung ihrer Straße. Die Mobilität der größtenteils alten Menschen ist sehr eingeschränkt, zumal sie oft auch noch gesundheitlich angeschlagen sind. Deshalb traf sie die Schließung der Gemeinschaftsräume und des AWO-Cafés in der Bachstraße 33 vor einiger Zeit hart.

Vor kurzem wurden die Sanitäranlagen in fast allen nicht mehr vermieteten Wohnung zerschlagen, um Fakten zu schaffen und um jeglichen Widerstand im Keim zu ersticken. Selbst in Räumungsbefehlen wurden BewohnerInnen noch mittels Zynismus gemobbt: „[…] anbei sende ich Ihnen nun den Räumungstermin, er wird am Mo., den 28. März ab 8.30 Uhr sein. Bitte räumen Sie bis dahin ihre gepackten Kartons (auch aus dem Keller) und ggf. Ihren wertvollen Sekretär beiseite, damit ihn der Gerichtsvollzieher ggf. einlagern kann. Von dem Rest werden Sie sich trennen müssen. Mit freundlichen Grüße […]“

Zusammen betreiben AWO, Stadtbau und Stadt Freiburg eine unsoziale Politik gegen Menschen, die seit Jahrzehnten in Herdern verwurzelt sind. Durch die „Aufwertung“ ganzer Straßenzüge werden Arme und Alte aus dem reichen Stadtteil vertrieben. Selbst die Ersatz-Angebote der AWO über teurere Wohnungen am Tennenbacher Platz konnten längst nicht alle annehmen. Mit einer Rückkehr nach Herdern, nach einem Abriss ihrer alten Wohnungen in neugebaute Stadtbau-Wohnungen, rechnet niemand. Wo sollen Menschen, deren Existenzgrundlage eine staatliche Rente ist, denn auch monatlich mehr Geld hernehmen? AWO-Geschäftsführer Jack Hutt­mann erwiderte: „Mich fragt auch niemand, womit ich meine Miete bezahle. C’est la vie !“

Wohnen wird in Freiburg immer teurer. Während im Jahr 2003 die durchschnittliche Kaltmiete pro m² noch 6,42 € betrug, waren es 2008 schon 6,91 € und aktuell sind es sogar schon 7,29 €. Dies bedeutet eine Mietsteigerung von 13 % innerhalb der letzten acht Jahre. Der Immobilienverband Deutschland zeigt hingegen, dass das durchschnittliche verfügbare Einkommen der Freiburger Haushalte mit 1609,63 € im Vergleich mit anderen Städten, wie Esslingen mit 2077,82 € und Ludwigsburg mit 1975,19 €, nicht allzu üppig ausfällt. Dabei beträgt der durchschnittliche Mietpreis einer Wohnung in Freiburg rund 540 €, in Esslingen 525 € und in Ludwigsburg 562,50 €. Dass dabei die Mietenden rund 44 % ihres Einkommens für die Miete ausgeben scheint der Normzustand.

Der politische Fokus liegt auf dem gesteigerten Kapitalinteresse und nicht etwa auf der Verbesserung des Wohnumfeldes für sozial Benachteiligte. Die Heuchelei der „sozialen Stadtpolitik“ macht somit Platz für Großverdienende und wertet Stadtviertel zu Luxusgegenden auf. Dabei ist völlig offensichtlich, dass Menschen, die sich eine solche Wohnpolitik nicht mehr leisten können, aus den Städten an Randgebiete getrieben werden.

Die oft aus baulichen Veränderungen eines Quartiers enstehenden und als Gentrifizierung bezeichneten sozialen Verdrängungsprozesse, die meistens eine statusniedrigere soziale Schicht betreffen, sind in Freiburg vermehrt zu beobachten. In der durch den grünen „Öko-Kapitalismus“ gehypten Stadt herrscht eine Segregationspolitik, die auch alte und mobilitätseingeschränkte Personen aus ihrem sozialen Umfeld reißt, ohne auch nur im Ansatz auf die Möglichkeiten und Bedürfnisse der Menschen einzugehen.

Mit Hausbesetzungen wird der kapitalistischen Angebot- und Nachfrage-Logik ganz offen widersprochen, diverse Besetzungen hielten die Freiburger Squatter-Kultur in den letzten Jahre lebendig. Besonders hervorheben möchten wir die Besetzung der Freien Antonia in der Kirchstraße 16 im Mai 2009, die für fünf Tage einen Ausblick auf ein selbstbestimmes Wohnen und Leben am Rande der Innenstadt ermöglichte, und des Infoladens in der Gartenstraße 19, der auch ein Jahr nach der Besetzung im April 2010 noch immer als autonomer Treffpunkt in der Freiburger Innenstadt beliebt ist.

Die spektren-übergreifenden Besetzungs-Aktionen fügen sich in Freiburg zu einer Kampagne zusammen, die getragen wird durch ein loses Netzwerk von AktivistInnen, politischen Gruppen und Freiburger Initiativen. Der Kampf um Freiräume und gegen Eigentum, der so viele schon politisiert hat, ist der Kampf gegen den Kapitalismus. Gegen ihn richtet sich unser Streben, gegen den Feind jeder dezentralen, basisdemokratischen und sozial gerechten Stadtpolitik.

Besetzt mehr Häuser!

Autonome Antifa Freiburg




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