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Aufstand in Patagonien
Osvaldo Bayer
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Im ‘Schloß’ von Bad Bramstedt fand Donnerstag-Abend eine mehr als denkwürdige Veranstaltung statt. Osvaldo Bayer – 84jähriger deutsch-argentinische Intellektueller, Journalist, Schriftsteller, Filmemacher- stellte sein deutsches Buch Aufstand in Patagonien in der Kleinstadt nördlich von Hamburg vor, aus der der Rächer (»El Vindicator«) der 1.500 ermordeten Landarbeiter des Streiks im südlichen Argentinien von 1921 kam.

Osvaldo Bayer in Bad Bramstedt: Patagonia rebelde – Zu Ehren von Kurt Gustav Wilckens!

Gut 45 einheimische und drei Besucher vom ASK-VAB Hamburg-Altona lauschten Osvaldos Bericht, über seine Flucht vor der Videla-Militärdiktatur 1976, den Fragen an die damalige sozialliberale Koalition, warum sie sechs Fregatten an das faschistische Argentinien lieferte, die Antwort des DGB und der gewerkschaftseigenen Bank für Gemeinwirtschaft auf seine Anfragen wegen ihrer Geschäfte mit der Diktatur … der Hilfe, die einzig und allein durch Freunde (Osvaldo hatte in Deutschland in der 50er Jahren studiert) und die evangelische Kirche kam. Ich erinnerte mich an unser erstes Kennenlernen im Kinderkino und seine Vorführung des Filmes, der 1976 der Silbernen Bären bei der Berlinale erhielt.

Später folgte die Fortsetzung – »El Vindicador – der Rächer« – den der WDR finanzierte über den Anarchisten aus Bad Bramstedt, der den massenmordenden Oberst Varela am 25. Januar 1923 mit Bombe und Pistole zur Rechenschaft für sein planmäßiges Hinrichten und Verscharren der streikenden Landarbeiter Patagoniens zog. Viele Argentinier schämten sich, weil ein »Gringo« aus Deutschland den Mut hatte, den »Schlächter von Patagonien« zu bestrafen. Kurt Gustav Wilckens wurde von einem Studenten der faschistischen Liga Patriótica Argentina im efängniskrankenhaus am 15. Juni 1923 ermordet. Diesen wiederum rächte ein russischer Genosse…

Gewalt mag keine Lösung sein, aber dennoch beharrte Osvaldo auf der anarchistischen Philosophie des »Tyrannenmordes« – eine grundsätzliche Gewaltfreiheit schadet bei der Beseitigung von Diktatoren wie in Libyen und anderswo. Der Vergleich Kurt Gustav Wilckens mit Georg Elser scheint mit falsch zu sein, auch wenn Wilckens als individualistischer Anarchist tolstoier Prägung ein ziemlich verschlossener Einzelgänger war (wie seine damaligen Genossen der anarchistischen Gewerkschaft FORA in Buenos Aires im Film bezeugen), so hatte er also IWW-Agitator und Anführer eines Bergarbeiterstreiks in Arkansas (zusammen mit Joe Hill) doch einen organisierten Arbeiter-Anarchismus-Hintergrund, den Elser nicht hatte. Gleichwohl waren beide derart mutig, daß sie ihren »Tyrannenmord« ganz allein auf ihre Kappe nehmen wollten und keine Genossen involvierten.

Der Dank geht an Hans und Ralph vom Buchladen ‘Hans im Glück’, die Osvaldo Bayer nach Bad Bramstedt eingeladen haben, wir werden die Resonanz in der lokalen Presse verfolgen – besonders die aufgekommene Idee in der anschließenden Diskussion – zumindest eine Gedenktafel für Kurt Gustav an seinem Geburtshaus – genau gegenüber dem königlichen Schlößchen – anzubringen. Auch die Idee eines Denkmals wurde aufgeworfen. Es war eher ein bürgerliches Publikum, aber sehr interessiert, überrascht über diesen »Sohn der Stadt«. Was wird die Familie wohl sagen, was wird die »lokale Politik« schreiben, wenn eine ausgewanderter Arbeiter geehrt werden soll, der einen faschistischen Militär entsorgte, einen anarchistischen stillen Agitator, der auch in den USA als „unerwünschter Ausländer“ zurück nach Hamburg geschickt wurde?

Auf die Aktion der FAU Hamburg im Jahre 2003 zum 80. Jahrestag des Attentats durch Kurt Gustav Wilckens gab es jedenfalls einen nicht übersehbaren Artikel in der lokalen Presse. Zumindest zwei der damaligen Genossen, die sich nachts mit Plakaten zu Ehren Kurt Gustav auf nach Bad Bramstedt gemacht hatten und die Kleinstadt damit aufweckten, waren gestern anwesend. Die heutige Hamburger FAU glänzte mal wieder durch Abwesenheit.

Dies ist übrigens eine Aufforderung, das Buch Osvaldo Bayers direkt über die Buchhandlung von Hans & Ralph zu ordern, geht portofrei: www.buecher-hansimglück.de – denn solche Veranstaltungen kosten Geld, das ein kleiner lokaler Buchladen natürlich eigentlich gar nicht aufbringen kann. Aber die beiden haben den Willen, in der Provinz auch mit kritischer Literatur die Leute aufzuklären. Chapeau!

• Folkert – ASK – VAB Hamburg-Altona


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