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Lou Marin
Wohin will Arundhati Roy? (II)
Instrumentalisierung, Modernisierung und kriegsbedingte Unterernährung

Teil II:

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Eine Neuerscheinung im Buchverlag Graswurzelrevolution – Ulrike Bürger: Staudamm oder Leben? Indien: Der Widerstand an der Narmada, Heidelberg 2011 – lenkt die Aufmerksamkeit auf meist lang anhaltende, in Europa oft übersehene Kämpfe indigener und anderer betroffener Bevölkerungsgruppen gegen industrielle Großprojekte. Die kritische Auseinandersetzung mit der indischen Intellektuellen Arundhati Roy angesichts ihres Besuchs bei der maoistischen Guerilla in Zentralindien (in GWR 355, S. 1f.) geht der Frage nach, inwiefern der bewaffnete Kampf derzeit in Indien eine erfolgreiche Alternative zu den an der Narmada praktizierten Kampfmitteln für den Schutz der von industriellen Großprojekten betroffenen Bevölkerung, meist Indigene (in Indien: Adivasi), sein könnte. (GWR-Red.)

Arundhati Roy hatte lange Jahre den radikalen gewaltfreien Widerstand gegen die Staudämme an der Narmada unterstützt. (1) Jetzt stellt sie diese Widerstandstradition als realitätsfern dar:
„Ich habe das Gefühl, dass ich hier etwas sagen sollte. Über die Sinnlosigkeit von Gewalt, über die Unannehmbarkeit von wahllosen Erschießungen.

Aber was könnte ich ihnen [den Militanten der Guerilla; d.A.] empfehlen zu tun? Vor Gericht zu gehen? Eine Dharna [friedliche Protestaktion/Blockade] vor der Jantar Mantar [Sternwarte] in New Delhi zu machen? Eine Rally? Eine Hungerstreik-Staffel? Das klingt lächerlich.“ (S. 8; Outlook-Artikel vom 29.3.2010, Seitenangabe nach Ausdruck einer Online-Übersetzung)

Nun sind das genau diejenigen Aktionen, welche die Narmada-Widerstandsbewegung über Jahre hinweg praktiziert hatte
und die zu Teilerfolgen, aber auch unbestreitbar zu Niederlagen führten, ohne dabei aber vergleichsweise ebenso
viele Opfer zu hinterlassen wie dieser Krieg in Zentralindien. Sicher sind solche Aktionen mitten im Krieg kaum denkbar, das Beispiel Narmada-Widerstand steht aber als massenhafte Erfahrung dafür, dass durch die Mobilisierung innerindischer und internationaler Solidarität ein Brutalitätsniveau wie dieses gerade vermieden werden konnte.

Arundhati Roy weiter: „An welche Tür hat die Narmada Bachao Andolan [NBA; Bewegung zur Rettung für die Rettung der Narmada; d.A.] noch nicht geklopft während all der Jahre, in denen sie gegen die großen Dammbauten an der Narmada gekämpft hat?“ (S. 8)
Das ist ihre Sicht der Dinge: Die Anti-Staudammbewegung an der Narmada ist mit gewaltfreiem Widerstand gescheitert, es bleibt künftig nur noch der bewaffnete Kampf.

An einer anderen Stelle macht sie sich über gandhianischen Widerstand sogar lustig. Die PGLA (People’s Liberation Guerilla Army – bewaffneter Arm der maoistischen Partei CPI-Mao/Kommunistische Partei Indiens) sei gar ökologischer:

„Was den Verbrauch angeht, ist sie [die Guerillaarmee; d.A.] mehr gandhianisch als jeder Gandhianer. [...] Sollte ich vielleicht ein Theaterstück schreiben – ‚Gandhi get your gun’? Oder werde ich dann gelyncht?“ (S. 9)

Sie ergötzt sich geradezu an der Provokation. Wir werden weiter unten noch sehen, dass auch eine Guerillaarmee lebenswichtige Ressourcen und Energien verbraucht und dann nichts mehr übrig hat, zum Beispiel für ÄrztInnen und ein funktionierendes Gesundheitssystem, weil alle Mittel in Bewaffnung, Ausrüstung und Ausbildung gesteckt werden.

Die Instrumentalisierung der Adivasi durch die maoistische Guerilla
Einmal muss Arundhati Roy eine Geschichtsstunde von Genosse Venu anhören, der zu den Parteiführern gehört: „An diesem Morgen spricht er mehrere Stunden lang, fast ununterbrochen.“ (S. 5) So erfährt sie, dass der Guerillakrieg keineswegs ein spontaner Aufstand der lokalen Adivasi-Gruppen war, der dann etwa von der Guerilla unterstützt wurde, sondern eine strategisch-taktische Entscheidung der Partei selbst, der damaligen PWG:
„Genosse Venu gehörte zu einem der sieben bewaffneten Trupps, die den Godavari-Fluss überquerten, um im Juni 1980, also vor 30 Jahren, von Andhra Pradesh in die Dandakaranya-Wälder (DK in der Parteisprache) zu kommen. [...] Er gehörte zur People’s War Group [PWG; Gruppe Volkskrieg; d.A.], eine Abspaltung der Communist Party of India (Marxist-Leninist) oder CPI-(ML), den ursprünglichen Naxaliten.

Die PWG wurde im April jenes Jahres formell als eine getrennte, unabhängige Partei erklärt unter Kondapalli Seetharamiah. Die PWG hatte sich entschlossen, eine stehende Armee aufzubauen, wofür sie eine Basis brauchte. DK sollte diese Basis werden, und diese ersten Trupps wurden hineingeschickt, um das Gebiet auszukundschaften und mit dem Prozess zu beginnen, Guerillazonen einzurichten.“ (S. 5) – Im Jahre 1980 also, lange vor den aktuellen Auseinandersetzungen, entschied die PWG-Parteiführung über die Notwendigkeit des bewaffneten Kampfes im Adivasi-Gebiet. Was war noch der Vorwurf von Arundhati Roy bei ihrer Rede auf der Konferenz der War Resisters’ International 2010? Gewaltfreier Widerstand dürfe nicht aufgezwungen werden? Das sollte doch wohl für den bewaffneten Widerstand mindestens ebenso gelten, oder? Es ist aber die eigentümliche, selbstverständliche und nie wirklich hinterfragte Logik aller bewaffneter IdeologInnen, dass immer nur der gewaltfreie Kampf als „aufgezwungen“ gilt, niemals der bewaffnete – und sei der noch so undemokratisch und fern von den Betroffenen selbst beschlossen worden, wie im Falle der PWG, die ein Gebiet für eine stehende Armee suchte!

Hier wird der grundsätzliche Wille deutlich, die maoistische Ideologie eindeutig vor die Bedürfnisse der betroffenen Menschen zu setzen.
Diese Instrumentalisierung hat auch eine utopische Komponente: Die Adivasi in den zentralindischen Wäldern wollen den indischen Staat daran hindern, ihre Bodenschätze industriell auszubeuten und sie von ihrem angestammten Land zu vertreiben, weil sie ihre eigene, traditionelle, weitgehend autarke und nicht-industrielle Lebensweise im Wesentlichen beibehalten wollen.

Die maoistische Guerilla gibt zwar gegenwärtig ebenfalls vor, die Adivasi zu verteidigen. Die Praxis taktischer Instrumentalisierung ohne Rücksicht auf die betroffene Bevölkerung zu Beginn des bewaffneten Kampfes zeigt aber, dass die Ideologie im Zweifel den realen Menschen und Bedürfnissen vorgezogen wird.
Und die maoistische Gesell¬schaftsvision für die Zukunft heißt ganz klar: industrielle Modernisierung. Von den Parteistrategen formuliert niemand eine Kritik der Industriezivilisation – ganz im Gegenteil.

Nach dem militärischen Sieg der maoistischen Guerilla – sollte es je dazu kommen, was prinzipiell nicht unmöglich ist: durch massive Gewalt können tatsächlich Machtkämpfe gewonnen werden – würde demnach die Ideologie des militärischen Siegers konsequent umgesetzt.

Eine moderne Industriegesellschaft mit all ihren Imperativen des Rohstoffbedarfs unter Kontrolle der Partei – warum nicht nach dem Vorbild Chinas und warum auch nicht irgendwann kapitalistisch? – würde aufgebaut, dem die Adivasi mit ihren Bedürfnissen der Verteidigung ihres traditionellen, naturnahen Lebensraums ein weiteres Mal geopfert würden, von ihren vormaligen „Verteidigern“! So wie es in China heute tausendfach geschieht.

Der unauflösliche Widerspruch: Städtische Mittelklasse-Intellektuelle versus lokale indigene Bevölkerung

Arundhati Roy erwähnt immerhin, was die Anfangszeit betraf, „wie misstrauisch die Dörfler ihnen [den PWG-Guerillera/os; d.A.] gegenüber waren und sie nicht in ihre Häuser ließen“ (S. 5).
Hier ist allgemein ein Dilemma aller sozialen Kämpfe in Indien angeschnitten, das es bereits zur Zeit der indischen Unabhängigkeitsbewegung gab – und für das bisher noch nirgendwo eine tragfähige Lösung gefunden wurde: nämlich das Verhältnis städtischer Mittelklasse-Intellektueller zu den lokalen Mitgliedern von Stam-mesgesellschaften (Adivasi) oder von Dalits (ehemalige sog. „Unberührbare“) und unteren Kasten in entlegenen, ländlichen Gebieten.

Die aus den Städten kommenden Intellektuellen erreichen mit der Zeit nicht selten gottähnlichen Status. Diese Problematik zeigt sich auch bei gewaltfrei geführten Kämpfen.

Die Menschen und die sozialpolitischen AktivistInnen, die da seit Jahrzehnten bei allen Verbindungen dieser beiden nicht unterschiedlicher sein könnenden Sozialisationen aufeinanderprallen, trennen kulturell, intellektuell, was Bildung und politisches Bewusstsein betrifft, Welten. Roy erwähnt an anderer Stelle, dass in einer Region des „befreiten“ Gebietes „noch vor zehn Jahren das Pflügen unbekannt“ war (S. 15).

Noch nie ist es gelungen, dieses Gefälle wirklich aufzuheben – maximal mag erreicht worden sein, hieraus entstehende informelle Hierarchien bewusst als Problem wahrzunehmen und mit der Zeit etwas zu reduzieren. Nur kann dies kein Argument gegen den gewaltfreien oder für den bewaffneten Widerstand sein, denn mit diesem Problem haben alle AktivistInnen glei¬chermaßen zu kämpfen, egal welche eigenen Kampfformen sie mit den traditionellen Kampfformen der örtlichen Stammesbevölkerung zu verbinden suchen.

Interessant ist nun bei der Geschichtsstunde, die Arundhati Roy vom Genossen Venu erfährt, die Tatsache, dass die eingewanderte Partei die ersten sechs Jahre dazu benötigte, das Vertrauen der lokalen Stammesbevölkerung zu gewinnen, und dass sie dieses Vertrauen mit Streiks gewann.

Dabei gaben die Parteileute an die örtliche Bevölkerung ledig¬lich ihre Kenntnisse gewerkschaftlicher Organisationsar-beit weiter. Arundhati Roy: „Es war eine enorme Arbeit, die Leute zu organisieren, die überaupt nicht vertraut mit dieser Politik sind, um sie in einen Streik zu führen. Am Ende war der Streik erfolgreich, und der Preis wurde verdoppelt.“ (S. 5)

Das betraf die erste gemeinsame Kampagne der Adivasi-Bevölkerung mit der Partei, den Preis für Tendublätter zu erhöhen, Tabakblätter, aus denen Bidis, die dünnen indischen Zigaretten gemacht werden. Ähnlich erfolgreich verlief kurz darauf ein Streik der BambusarbeiterInnen für die Papiermühle Ballarpur:
„Eine lange Agitation, ein Streik, gefolgt von Verhandlungen mit den Chefs der Papiermühle in Gegenwart des Volkes, verdreifachte den Preis [...]. Für die Stammesleute war das eine enorme Errungenschaft.“ (S. 6)

Durch diese erfolgreichen Kampfformen wurde das Vertrauen der Bevölkerung gewonnen, um dann zur nächsten Stufe der Parteistrategie, dem bewaffneten Kampf „voranzuschreiten“, der 1986 als Zyklus des Blutvergießens nach einer gewaltsamen Aktion gegen willkürliche Forstministeriumsbeamte und einem nachfolgenden brutalen Polizeieinsatz seinen Anfang nehmen sollte.
Doch eine „Biodiversität des Widerstands“, wie sie Arundhati Roy auf der Konferenz der War Resisters’ International 2010 in Ahmedabad propagierte, die auf die Bedürfnisse der Adivasi-Gesellschaften Rücksicht nehmen soll, hört sich nach etwas Essentiellem an, so als seien die Adivasi auf immer und ewig, sozusagen schon ir-gendwie biologisch auf bewaffneten Widerstand festgelegt.

Diese Vorgeschichte des Guerillakampfes zeigt, dass auch in dieser Region anders – und erfolgreich – gekämpft werden konnte, dass es keine per se in der Tradition, in der Lebensweise oder gar im Bioerbe der indigenen Bevölkerungen liegende Tendenz entweder zum bewaffneten oder zum gewaltfreien Kampf hin gibt.
Sicher können indigene Bevölkerungen mal mehr, mal weniger bewaffnete Traditionen aufweisen. Das heißt keines-wegs, dass sie unfähig sind, aktuell andere, der Situation angemessene Widerstandsfor¬men zu verstehen und aus eigener Einsicht heraus anzuwenden.

Heute, nach Jahrzehnten des Krieges im zentralindischen Dschungel und der Brutalisierung des Bewusstseins auf allen Seiten, sind gewaltkritische oder gewaltfreie Alternativen kaum mehr denkbar, der Krieg hat seinen Tribut gefordert – und trotzdem finden solche alternativen Kampfformen auch gegenwärtig erneut ihren Raum, was in einer von Roy dokumentierten Aussage von Suk¬hiari und Sukdai, zweier kommunistischer Aktivistinnen von KAMS (Kommunistische Adivasi-Frauenvereinigung; d.A.) ungewollt zum Ausdruck kommt:
„‚Einmal nahmen sie [die Polizisten; d.A.] das ganze Dorf mit; sie sagten, alle Männer seien Naxaliten.’ Sukhiari folgte mit allen Frauen und Kindern. Sie umringten die Polizeistation und weigerten sich zu gehen, bevor die Männer freigelassen würden. ‚Wann immer sie jemanden mitnehmen’, sagt Suk¬dai, ‚muss man sofort losgehen, um ihn wieder zu schnappen. Bevor sie einen Bericht schreiben. Haben sie erst einmal in ihr Buch geschrieben, dann wird es sehr, sehr schwierig.’“ (S. 15) – Roy belegt, dass durch solche unbewaffneten Aktionen Gefangene wieder freigekommen sind.
Es geht keineswegs darum, dass Stammesgesellschaften idealisiert werden und nicht mit städtischen Mittelschichts-Intellektuellen zusammenarbeiten sollten. Es gibt genug hierarchische Traditionen und interne Ungerechtigkeiten im Adivasi-Alltag.

Arundhati Roy schreibt nicht von ungefähr:„Für viele junge Frauen bedeutete, der Partei und insbeson¬dere der PLGA beizutreten, eine Möglichkeit, dem Ersticken in der eigenen Gesellschaft zu entgehen.“ (S. 11) Nur ist der bewaffnete Kampf nicht die einzige Kampfform, durch den traditionelle Hierarchien aufgebrochen werden können, wie die Veränderungen der Frauenrollen und das Aufbrechen einzelner Kastenbarrieren auch im gewaltfreien Widerstand an der Narmada gezeigt haben.

In der gandhianischen Tradition Indiens gibt es eine lange Reihe von direkten Aktionen für Frauenbefreiung, Namen wie die der frühen Frauenrechtlerin Sarojini Naidu zeugen davon. Die antikoloniale Unabhängigkeitsbewegung ist gleichzeitig auch als erste Frauenbewegung Indiens beschrieben worden, weil zu Hunderttausenden Frauen auf dem Lande erstmals die Häuser ihrer Ehemänner verlassen haben, um zusammen mit anderen Frauen direkte gewaltfreie Massenaktionen für ihre eigenen Bedürfnisse durchzuführen (berühmt waren etwa ihre Blockaden von Alkoholläden, zu deren Kundschaft ihre eigenen Männer gehörten). (2)

Der lange andauernde Guerillakrieg: Hunger und Unterernährung in den „befreiten Gebieten“

Doch Arundhati Roy unterliegt in ihrer Bewertung der scheinbar normativen Macht des Faktischen. Weil der bewaffnete Kampf schon so lange dauert und weil die Adivasi trotz aller Polizei- und Spezialeinheiten aus den Wäldern Zentralindiens noch nicht vertrieben worden sind, ist das ihrer Meinung nach dem alternativlosen Konzept des lang andauernden Krieges zu verdanken, das CPI-(ML)-Theoretiker Charu Mazumdar für Indien propagierte und das auf Mao Zedong zurückgeht. An einer Stelle denkt Arundhati Roy an „Charu Mazumdars Idee eines lange andauernden Krieges, das zentrale Konzept der maoistischen Partei. [...] Was, wenn das Volk hier in Dandakaranya nicht den lange andauernden Krieg in den vergangenen 30 Jahren geführt hätte – wo wäre es jetzt?“ (S. 13), so fragt sie und meint: mit Sicherheit vertrieben, verarmt, seiner Kultur und seiner Lebensfreude beraubt, die Arundhati Roy anhand eines Tanzfestes in schönsten Farben beschreibt. Die Frage sollte allerdings eher lauten: In welchem Zustand lebt es denn jetzt, nach 30 Jahren Krieg auf seinem angestammten Territorium?

Der dreißigjährige Krieg im zentralindischen Dschungel ist in Wirklichkeit vor allem ein gesundheitliches und ernäh-rungspolitisches Problem geworden. Und daran ist die Guerilla nicht unbeteiligt. In fast drei Jahrzehnten hat sie es durch die Konzentration ihrer Energien und Ressourcen auf den Krieg geschafft, sage und schreibe einen einzigen Arzt für „Millionen befreiter Menschen“ zu organisieren:

„Auf dem Festplatz treffe ich den Genossen Doktor. [...] Ich möchte seine fetten Wangen küssen. Warum kann er nicht wenigstens einer von dreißig Leuten sein statt nur einer? Warum kann er nicht einer von tausend Leuten sein? Ich frage ihn über die Gesundheit in Danda¬karanya. Seine Antwort lässt mein Blut gefrieren. Die meisten Leute, die er untersucht habe, sagt er, haben einen Hämoglobin-Gehalt, der zwischen fünf und sechs liegt (während der Standard indischer Frauen bei 11 liegt). Es gibt Tuberkulose, verursacht durch mehr als zweijährige chronische Anämie. Junge Kinder leiden unter Protein-Energie-Mangelernährung zweiten Grades, in medizinischer Terminologie Kwashiorkor genannt. (Ich schaue später nach. Dies ist ein Wort aus der Ga-Sprache an der Küste Ghanas und heißt ‚die Krankheit, die Babys bekommen, wenn neue Babys kommen’.

Im Grunde also, wenn die alten Babys keine Milch mehr von der Mutter erhalten, und es nicht genügend Nahrung gibt, um die Ernährung zu garantieren.) ‚Es ist hier epidemisch, wie in Biafra’, sagt der Genosse Doktor. ‚Ich habe früher schon in Dörfern gearbeitet, aber so etwas wie hier habe ich noch nicht gesehen. [...] Es gibt keine Klinken in diesem Wald, abgesehen von einer oder zwei in Gadchiroli. Keine Ärzte, keine Medikamente.“ (S. 14)
Es müsste nicht gleich flächen¬deckend die moderne westliche Medizin mit ihren Kliniken eingeführt werden – die Adivasi haben eigene, traditionelle Heilmethoden, nur sind sie eben vorwiegend im Zustand gesellschaftlichen Friedens, nicht in einer Situation des dreißigjährigen Bürgerkriegs wirksam.

Der Gandhianer Baba Amte hatte übrigens zuerst ein Lepra-Krankenhaus gebaut, als er in der Gegend 1975 seinen Ashram aufbaute, lange bevor die Guerilla kam. Auch die gandhia¬nische Medizin ist nicht westlich-modernistisch.

Wenn also der Preis dieses lang andauernden Krieges Hunger und Unterernährung auf dem Niveau Biafras ist, ausgeprägter noch als in nicht-befreiten Gebieten Gesamt-Indiens, dann ist der Erfolg für die Adivasi, bisher durch den bewaffneten Schutz der Guerilla auf ihrem angestammten Lande geblieben zu sein, quasi gleich null.
Am Ende ist Arundhati Roy immerhin so ehrlich, sich den rea¬litätsfernen Illusionen des Parteioberen Venu nicht vollständig anzuschließen: „Ich denke an das, was Genosse Venu zu mir sagte: ‚Sie wollen uns zerschmettern, nicht nur wegen der Mineralien, sondern weil wir der Welt ein alternatives Modell zeigen.’ Es ist noch kein alternatives Modell, diese Idee von Gram Swaraj [Selbstverwaltung im Sinne von Gandhi; d.Ü.] mit einem Gewehr. Es gibt zu viel Hunger, zu viel Krankheit hier.“ (S. 15)

Vielleicht ist sich Arundhati Roy noch nicht ganz schlüssig über den Weg, den sie weiter verfolgen will. Sie will zwei Konzepte vereinen, die nicht vereinbar sind: Paradoxer Weise hält sie hier zum Beispiel am Begriff der „Gram Swaraj“ (Dorfbefreiung) fest, der aus der gandhianischen Tradition kommt, aber Gram Swaraj mit einem Gewehr gibt es nun mal nicht und sicher denkt jeder maoistische Parteistratege hier nur an die maoistischen Dorfkommunen. Mit der Möglichkeit solcher Verbindungen steht sie allein. Arundhati Roy schließt mit der ihr eigenen Quadratur des Kreises – die bisher noch immer das Credo jedes bewaffneten Kämpfers war:
„Es braucht keinen Krieg. Aber wenn es nur Krieg gibt, dann wird zurückgeschlagen.“ (S. 15)

Und wieder, als sie über den Bodhghat-Damm schreibt, der in der Region gebaut werden soll und dem über 100 Orte weichen sollen, ist ihr Urteil über die Anti-Narmadabewegung kategorisch:
„Nur Wochen, bevor ich nach Dandakaranya kam, besuchte ich Gujarat. Der Sardar Sarovar-Stausee hat jetzt beinahe seine volle Höhe erreicht. Und beinahe jede Einzelheit, die die Narmada Bachao Andolan (NBA) vorhergesagt hatte, ist eingetroffen. Die Leute, die verjagt wurden, sind nicht entschädigt worden, aber das ist ja normal. Die Kanäle sind nicht gebaut worden. Es gibt kein Geld. Das Narmada-Wasser wird also in das leere Flussbett des Sabarmati geleitet (der vor langer Zeit gestaut wurde). Das meiste Wasser wird von Städten und der Industrie verbraucht. Die Auswirkungen am unteren Ende des Stroms – das Eindringen von Salzwasser in das Flussdelta ohne Fluss – sind unmöglich zu beseitigen.“ (S. 17)

Die Menschen an der Narmada, die drei Jahrzehnte gegen 3.000 Staudammprojekte gekämpft haben und dabei ein ungleich geringeres Brutalisierungsni¬veau aufrechterhalten konnten, haben das heutige harte Urteil ihrer ehemaligen Mitkämpferin Arundhati Roy nicht verdient. Ja, sie haben ihren jahrzehntelangen Widerstand trotz einiger Teilerfolge, trotz einzelner erzwungener Sprengungen be¬reits gebauter Dämme, trotz langer Baustopps in der Hauptsache verloren. Aber haben die betroffenen Menschen in den zentralindischen Wäldern ihren bewaffneten Widerstand nicht ebenfalls schon verloren?

Kann Arundhati Roy die maoistische Guerilla tatsächlich als erfolgreiche Alternative präsentieren? Roys heutige Propaganda einer „Biodiversität des Widerstands“ steht einem praktizierten Konzept der Anti-Narmada-Bewegung gegenüber, das darauf gründete, ganz verschiedene Strömungen und Traditionen des emanzipatorischen Widerstands an der Narmada zusammenzubringen und eine Bewegung zu bilden, in der GandhianerInnen, MaoistInnen, Dalits, Adivasi und auch betroffene Hindus jeweils ihren Platz finden konnten. Das war nicht einfach und ging nicht ohne interne Konflikte ab, löste aber auch wichtige interne Verständigungs- und Verände-rungsprozesse aus. Das einigende Band war die Übereinkunft aller Strömungen, im Widerstand gewaltfreie Aktionsmittel anzuwenden.
Niemand fühlte sich an der Narmada zu etwas gedrängt, erst diese Einigung für die an allen Baustellen entlang der Narmada angewandten Aktionsformen machte über Jahrzehnte hinweg die Zusammenarbeit solch verschiedener Gruppen und Strömungen möglich. Es bleibt zu hoffen, dass diese einmalige Erfahrung des Narmada-Widerstands, die der gewaltfreien Wi¬derstandstradition in Indien zwischenzeitlich zu einer neuen Perspektive verholfen hatte, nicht durch die nun von vielen Intellektuellen und den Medien in Indien diskutierte Neuorientierung Arundhati Roys in Vergessenheit gerät, die mir eher eine Reaktion der Verzwei¬flung und Perspektivlosigkeit zu sein scheint.

Lou Marin

Anmerkungen:
(1): Das Buch von Ulrike Bürger: Staudamm oder Leben? Indien: Der Widerstand an der Narmada, Verlag Graswurzelrevolution, Heidelberg 2011, dokumentiert zwar diese Beteiligung, lässt jedoch hauptsächlich nicht die Prominente Arundhati Roy, sondern die vielen unbekannten und namenlosen Betroffenen und zugleich Widerstandleistenden gegen die Staudammprojekte an der Narmada zu Wort kommen, um ihnen selbst eine Stimme zu geben.

(2): Vgl. dazu besonders das Buch von Ashis Nandy: Der Intimfeind. Verlust und Wiederaneignung der Persönlichkeit im Kolonialismus, Verlag Graswurzelrevolution, Nettersheim 2008.

Artikel aus: Graswurzelrevolution Nr. 356, Februar 2011, www.graswurzel.net




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