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Gentrifizierung als Basis für ein neues Klassenbewusstsein?
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Wenn man Twitter als valides Instrument für ein Stimmungsbild in Deutschland heranziehen würde, so hätte man am 2. Februar feststellen können, dass das Thema #Liebig14 an erster Stelle bei Trending:Germany firmiert.

Die zumindest nicht rechtlich einwandfreie Räumung der doch Miete zahlenden Bewohner sorgte bundesweit für viele Solidaritätsbekundungen, der massive und martialische Polizeieinsatz mit 2500 Beamten sorgte wohl nicht nur in Berlin für Kopfschütteln.

Die Räumung, Linksradikale und die verängstigte Mittelschicht

Die, nach bürgerlicher Denke, arbeitsscheuen, dauerstudierenden und auf dem Wochen- oder im Biomarkt stehlenden Lebenskünstler und Überbleibsel der 80er-Jahre verlieren eines ihrer letzten nicht-kommerziellen Hausprojekte. Das Haus wird saniert und anschließend zu höheren Mieten wieder vermietet. Die ehemaligen Bewohner kommen schon woanders unter… Ist das Topic “Liebig14″ also nur auf einen kleinen Personenkreis begrenzt? Geht es nur um Revolutionsromantik vergangener Tage? Warum fühlen sich dann aber unter anderem die Tagesthemen dazu verleitet, zumindest kritisch zu berichten?

Nun, das Problem der “Stadtteilaufwertung” (Wert?), was eventuell gar kein Problem wäre, sondern die damit verbundenen und in kapitalistischer Logik wurzelnden immer höheren Lebenshaltungskosten (für mich noch so ein absolutes Unwort), sind das Problem. Und diese Mechanik aus “besserer Lebensraum –> höhere Kosten –> Vertreibung niederer Einkommens- und Besitzklassen” erfasst eben nicht nur Linksradikale, bzw. Alternative , sondern alle nichtvermögenden Mieter und ist somit ein gesamtgesellschaftliches Problem – welches durch eine erodierende Mittelschicht zunehmend an Relevanz gewinnt. Vor allem in einer Gesellschafts- und Wirtschaftsentwicklung, die die Menschen vor über 150 Jahren in die Städte trieb und nun, begründet auch auf einer erhöhten Mobilität des Individuums, sie wieder hinaus und in die Vororte der Metropolen treibt.

Diese Entwicklung werden wir übrigens auch zunehmend in Stuttgart erleben. Die Wohnungen im neuen Quartier, z.B., werden neu sein. Sie werden modern sein. Zudem liegen sie im Zentrum der Landeshauptstadt. Wer wird sich die Wohnungen leisten können? Wird diese Entwicklung die Mieten der angrenzenden Wohnungen beeinflussen? Sicherlich wird sie das. Werden die Wohnräume für einkommensschwache, nicht-vermögende Familien, Migranten, “Lebenskünstler” subventioniert werden? Nein, werden sie sicherlich nicht.

Das von Lokalpatrioten häufig bemühte “Aber das ist doch für uns in Baden-Württemberg!”, “Das kommt uns doch allen zu Gute!” und anderer Schwachsinn mag die Kleingeister unter uns von S21 überzeugen – aber von einer glänzenden, schnieken und aufpolierten Stadt lässt sich weder die Miete noch das täglich Brot bezahlen. Also nichts als Augenwischerei im Stile eines “Hurra!” schreienden, royalistischen Mobs.

Doch was bleibt am Ende des Tages?

Es bleibt die Erkenntnis, dass das Gros der Menschen in dieser Gesellschaft und Wirtschaftsordnung zunehmend mit den gleichen substanziellen Problemen konfrontiert wird. Wir erlebten mit der Räumung der Liebig14 und den anschließenden, kreativen Protestaktionen also nicht das letzte Zucken einer romantisch-verklärten Lebenskultur, sondern wir selbst sind Teil einer hochaktuellen Entwicklung, die den Weg zu einem neuen Klassenverständnis aller Betroffenen weisen kann. Dabei ist es wichtig, sich nicht in seinen eigenen Argumenten und Sichtweisen zu suhlen und dabei die gesamtgesellschaftlichen Entwicklungen und Möglichkeiten für Ansätze einer neuen, besseren Gesellschaft außer Acht zu lassen. Es muss um alles gehen! Und auf dem Weg dorthin müssen wir uns eben manchmal unserer Gemeinsamkeiten besinnen.

Wir bleiben alle!




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