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(改道 Gǎidào Nr. 2 / 2011)
Vor 90 Jahren: Peter Kropotkin gestorben
Johannes K. F. Schmidt
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Gestorben am 8. Februar 1921, wurde fünf Tage später in Moskau Fürst Peter Kropotkin – neben Proudhon und Bakunin einer der bedeutendsten Klassiker des Anarchismus – unter Anteilnahme einer vieltausendfachen Menschenmenge zu Grabe getragen.

Geboren wurde er am 9. Dezember 1842 in Moskau als Kind einer der vornehmsten Familien des russischen Hochadels. In den revolutionären Kreisen Petersburgs spielte er häufig scherzweise auf seine Herkunft an, indem er zu sagen pflegte, dass er ein weit größeres Anrecht auf den russischen Thron hätte als der Zar Alexander II, der nur ein Deutscher sei. Mit acht Jahren kam er an den Hof des Zaren Nikolaus I., weil er nach dem Wunsch seines Vaters eine militärische Laufbahn einschlagen sollte, die vor allem dem Adel vorbehalten war. Der Nachfolger Nikolaus I., Alexander II., ernannte den hochbegabten Jungen zu seinem persönlichen Kammerpagen, der dem Herrscher auf Schritt und Tritt zu folgen hatte. So bekam der junge Peter Kropotkin viele Einblicke in das höfische Leben, von dem er später sagte, dass es ihn zunehmend an geekelt habe. Kropotkin verehrte in dieser Zeit den Zaren wegen dessen Willen zu verschiedenen Reformen (1861 hob Alexander II. beispielsweise die Leibeigenschaft der Bauern auf).

1862 beschloss Kropotkin, nachdem er sein Offizierspatent erhalten hatte, sich aus der Abhängigkeit des Zaren zu lösen, indem er, statt eine Gardeeinheit am Hofe zu befehligen, sich zu den Amur-Kosaken in Sibirien versetzen ließ. Den militärischen Dienst dort vernachlässigte er weitgehend, nutzte eifrig die Bibliothek seines liberal gesinnten vorgesetzten Generals, in deren Regal sich unter anderem auch fast alle Werke des Schriftstellers, Revolutionärs und Freundes Bakunins, Alexander Herzen, befanden. Auch interessierte ihn die Geographie des Amurgebietes und die Lebensweise der dortigen Bevölkerung, weshalb er ausgedehnte Forschungsreisen unternahm, die als militärische Aufträge deklariert wurden.

Letztlich quittierte er den Militärdienst, nachdem er Zeuge einer Hinrichtung von fünf polnischen Gefangenen geworden war (Polen war damals in das russische Zarenreich einverleibt). 1867 begann er – ohne die finanzielle Unterstützung seines sehr begüterten Vaters, der ihm den Abschied aus dem Heeresdienst sehr übel nahm – in Petersburg ein Studium der Geographie und der Mathematik. Eine universitäre Karriere lehnte er aber ab, weil er schon bei seinen Studien in Sibirien während seiner Militärzeit mit der bitteren Armut der Landbevölkerung konfrontiert worden war. Sein Ziel war es daher, dass die russischen Bauern das Land, das sie bebauen, auch besitzen sollten – ein Gedanke, der sich schon bei Lew Tolstoj findet, als Kropotkin noch Page am Hofe des Zaren war. 1872 bereiste er – längst mit dem Gedankengut Proudhons und Bakunins vertraut – die Schweiz, kam dort in Kontakt mit im Exil lebenden Pariser Kommunarden, trat der Internationalen Arbeiter-Assoziation (I.A.A.) bei und betätigte sich in der Juraföderation der Uhrmacher.

Dort wurde er endgültig zum Anarchisten. Bald kehrte er wieder nach Moskau zurück, wo er sich nihilistischen Kreisen anschloss und konspirativ arbeitete. 1874 wurde er verhaftet und in der berüchtigten Peter-und Pauls-Festung eingekerkert, wo er nach zwei Jahren an Skorbut erkrankte und deshalb in ein Militärhospital verlegt wurde, von wo aus ihm mit Hilfe von Genossen über Finnland und Skandinavien die Flucht nach England gelang. 1876 reiste er erneut in die Schweiz und nahm Kontakt zu den Anhängern Bakunins auf, der kurze Zeit vorher am 1. Juli desselben Jahres in Bern gestorben war. Bakunin hatte er persönlich nie kennengelernt. In der Schweiz gab er die beiden anarchistischen Zeitungen “L’ Avant-Garde” und “Le Révolté” (Der Rebell; im Unterschied zu seiner später in Paris erschienenen Zeitung “La Révolte” Der Aufstand) heraus. Nach dem tödlichen Dynamit-Anschlag auf Zar Alexander II. (den Kropotkin schon längst nicht mehr verehrte, nachdem sich dieser sich vom Reformzaren zu einem despotischen und tyrannischen Gewaltherrscher gewandelt hatte) am 13. März 1881 (nach gregorianischem Kalender), den Johann Most in der von ihm herausgegebenen anarchistischen Zeitung “Freiheit” unter der kurzen Überschrift “Endlich!” bejubelte, wurde Kropotkin auf politischen Druck der russischen Botschaft aus der Schweiz ausgewiesen, obwohl er mit dem Anschlag nicht das geringste zu tun hatte.

Zunächst ging er wieder nach London und von dort aus nach Frankreich, was ihm allerdings zum Verhängnis wurde: 1882 kam es in Lyon zum Aufstand der ausgebeuteten Weber und zu einem Bombenanschlag. Mehrere Anarchisten, darunter auch Kropotkin, wurden von den Behörden damit in Zusammenhang gebracht und verhaftet. Kropotkin war bei den französischen Behörden kein “unbeschriebenes Blatt”; denn er war maßgeblich an der Gründung revolutionärer Gruppen beteiligt und entfaltete eine rege Agitation.

Obwohl aber Kropotkin nachweislich weder in den Weberaufstand noch in den Bombenanschlag involviert war, wurde er infolge mangelnden Beweises in einem Gesinnungsprozess wegen seiner Mitgliedschaft in der I.A.A. und seines Bekenntnisses zur sozialen Revolution und zum Anarchismus zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, was in ganz Europa zu heftigen Protesten führte. Aufgrund dieser Protestkampagnen wurde er schließlich nach drei Jahren vorzeitig aus der Haft entlassen, die er weitgehend im Zentralgefängnis von Clairveaux verbüßte. Er wandte sich danach erneut nach England, wo er dann mehr als dreißig Jahre lang leben sollte, bevor er nach der Februarrevolution 1917 wieder nach Russland zurückkehrte.

Die Februarrevolution fegte die Zarenherrschaft hinweg. An ihre Stelle traten die Duma als Parlament einerseits und die Sowjets (= Arbeiterund Soldatenräte) andererseits. Der mittlerweile 75-jährige Kropotkin setzte in diese Revolution große Hoffnungen, sah sich aber zunehmend enttäuscht, vor allem als die Bolschewiki um Lenin, Trotzki und Stalin im Herbst desselben Jahres putschten und die Oktoberrevolution inszenierten, um an die Macht zu gelangen. Immer mehr Anarchistinnen und Anarchisten verschwanden in den Gefängnissen und in sibirischer Verbannung – genau wie zu Zeiten des Zarismus!

Der deutsche Anarchosyndikalist Augustin Souchy, der 1920 Sowjetrussland bereiste, schildert in seinem Buch “Vorsicht: Anarchist!” einen fünftägigen Besuch bei Kropotkin. Souchy schreibt über eines der Gespräche mit Kropotkin (der die deutsche Sprache fließend beherrschte), das sich um das Schicksal der russischen Revolution drehte, folgendes: “Peter Alexandrowitsch beklagte sich bitter über die Machtkonzentration in den Händen der kommunistischen Partei und über die diktatorischen Regierungsmethoden. Freie Sowjets gebe es nicht mehr. (…) Er selbst habe nicht die Möglichkeit, über die öffentlichen Angelegenheiten mitzuberaten und mitzubeschließen. Kropotkin sagte weiter, Rußland benötige autonome Gemeinderäte, freie Kommunalsowjets, die sich in ihren Kreisen und Gauen frei zusammenschließen. (…) Er habe Lenin vorgeschlagen, freie Föderationen von Kommunalverbänden zuzulassen, doch seine Anregung sei nicht beachtet worden.

Lenin behaupte, das Ziel der Kommunisten und der Anarchisten sei letztlich das gleiche; er selbst aber sei anderer Meinung. Unter der gegenwärtigen Parteidiktatur werde die Staatsmacht nicht abgebaut, sondern mehr und mehr verstärkt. (…) Als ich mich von ihm, seiner Frau Sophie und seiner Tochter Sascha verabschiedete, sagte er: ‘Wir werden Freunde bleiben, das fühle ich.’ Fünf Monate später starb er, kurz vor der Vollendung seines achtzigsten Lebensjahres.”

Kropotkin war ein erklärter Feind jedweder Staatlichkeit. Er sah die Institution Staat als eine bürgerliche Erfindung, die in sich durch und durch morsch und verfault sei, zusammengehalten nur durch die geschriebenen Gesetze, die zu allen Zeiten zugunsten des Ausbeuters gegen den Ausgebeuteten geschaffen worden seien.

Von Juni 1917 bis Anfang 1919 lebte er mit seiner Frau in Moskau, danach – von der Tscheka aus Moskau vertrieben – in der etwa 60 Kilometer von Moskau entfernten Kleinstadt Dimitrov, wo er vor allem an seinem großangelegten philosophischen Werk “Die Ethik” arbeitete, für das er mehrere Bände konzipierte.

Doch konnte er dieses Projekt nicht zu Ende führen, denn er starb am 8. Februar 1921. Am 13. Februar wurde sein Leichnam nach Moskau überführt. Zehntausende folgten seinem Sarg. Die Leninregierung erwies sich äußerst großzügig: sie gewährte inhaftierten Anarchistinnen und Anarchisten für den Tag der Beerdigung Hafturlaub, vorausgesetzt, sie würden am nächsten Tag wieder in die Gefängnisse zurückkehren. Sie hielten alle Wort und kehrten zur Verblüffung der neuen Zaren tatsächlich hinter die Gefängnismauern zurück. Der Trauerzug der Zehntausenden geriet zur bis dahin mächtigsten Demonstration des russischen Anarchismus, und sie sollte für die vielen darauffolgenden Monate, Jahre und Jahrzehnte auch die letzte anarchistische Manifestation in der Sowjetunion und dem nachmaligen und vormaligen Russland bleiben.

Denn schon bald gingen die alten Verfolgungen von neuem los: zahlreiche Anarchistinnen und Anarchisten wurden verhaftet, ermordet, verbannt, in Arbeitslager deportiert, ausgewiesen oder zur Auswanderung gezwungen. Und diese Verfolgungen halten bis heute an.

Nach Kropotkins Beerdigung gingen die Leninschen Staatssozialisten mit dem weltweiten guten Ruf Kropotkins als Wissenschaftler hausieren und beeilten sich, ein paar Ehrungen dem Toten nachfolgen zu lassen. So wurden unter anderem in Moskau eine Gasse und in Südrussland sogar eine ganze Stadt nach ihm benannt. Diese heute fast 81.000 Einwohnerinnen und Einwohner zählende Stadt liegt etwa 1.200 Kilometer Luftlinie von Moskau entfernt und entstand aus einem kleinen Militärposten aus dem 18. Jahrhundert. Mit dem Bau einer Eisenbahnlinie im 19. Jahrhundert entstand an dessen Stelle die Arbeitersiedlung Romanowski, die sich mit zunehmender Industrialisierung zu einer ansehnlichen Stadt entwickelte. Und zeitweilig gab es in Moskau sogar ein Kropotkin-Museum in dessen Geburtshaus, das von der ehemaligen anarchistischen Sozialrevolutionärin Wera Figner geleitet wurde, die wegen Beteiligung an dem erwähnten Attentat auf Alexander II. ab 1883 bis 1904 in den berüchtigten Gefängnissen Peter-und-Paul-Festung und Schlüsselburg inhaftiert war, danach in der Verbannung lebte und nach der Februarrevolution von 1917 amnestiert wurde.

Eine Ehrung anderer Art wurde Kropotkin zuteil: Nur wenige Wochen nach seinem Ableben kam es im revolutionären Kronstadt unter der Parole “Alle Macht den Räten – Keine Macht den Parteien!” zu einem Aufstand gegen das diktatorische Regime der Bolschewiken. Aber das ist eine andere Geschichte in der großen Geschichte der sozialen Revolution, die noch nicht zuende geschrieben ist und auch nie zuende geschrieben sein wird.
Ein Jahr nach Kropotkins Tod, 1922, erschien in Berlin zur Erinnerung an Kropotkins Beerdigung ein zweisprachiges (deutsch und englisch) Fotoalbum, herausgegeben vom “Ausländischen Büro zur Schaffung der russischen Anarchosyndikalistischen Konföderation”. Der leider nicht mehr existierende Mannheimer anarchistische Spurenverlag druckte 1994 dieses Album, von dem sich ein Original im Nachlass des ein Jahr zuvor gewaltsam zu Tode gekommenen Mannheimer Arbeiters und Anarchisten Gerd Klotsch gefunden hatte, in einer kleinen Auflage nach. Der Anarchosyndikalist Rudolf Rocker schrieb nach Kropotkins Tod für dieses Album das Geleitwort, aus dem abschließend zitiert werden soll: “Kropotkins Sozialismus ist eine Art Synthese, in der sich die Sehnsucht nach persönlicher Freiheit und das Streben nach sozialer Gleichheit zusammenfinden. Der Sozialismus wird frei sein oder er wird nicht sein. Zusammen mit der Ausbeutung des Menschen durch den Menschen muß auch die Herrschaft des Menschen über den Menschen verschwinden, zusammen mit dem Monopol des Besitzes auch das Monopol der Macht fallen. (…) An die Stelle des zentralen Machtapparates muß die freie Föderation selbständiger Gemeinden treten, an die Stelle des gesetzlichen Zwanges die freie Vereinbarung und gegenseitige Verständigung. (…) Kropotkin verwarf die Theorie der sogenannten Arbeitsteilung (…) und bewies, daß sie der Ertragsfähigkeit der Produktion keineswegs förderlich ist (…). Indem man vergaß, daß die Produktion keineswegs der Zweck des Lebens, sondern nur ein Mittel ist, dasselbe angenehm zu gestalten, gelangte man notwendigerweise zu der Auffassung, daß der Mensch für die Produktion und nicht die Produktion für den Menschen existiere. In diesem Sinne war die Arbeitsteilung zwar eine sehr wichtige Voraussetzung für das kapitalistische Ausbeutungssystem, aber keineswegs für den Sozialismus, der von einer direkt entgegengesetzten Auffassung ausgehen muß. Kropotkin predigte daher die Arbeitseinheit, die vielseitige und möglichst abwechselnde Beschäftigung des Menschen als die einzige Basis des Sozialismus. (…) Dazu ist auch eine ganz neue Art unserer Erziehung nötig, die die künstlichen Schranken zwischen Kopf- und Handarbeit gänzlich beseitigt. (…) Kropotkin zeigte uns, wie bei dem heutigen Stande unserer technischen und wissenschaftlichen Entwicklung wir leicht imstande wären, jedem Mitgliede der Gesellschaft einen relativen Wohlstand zu garantieren. Und diese Erkenntnis führte ihn dazu, (…) das Lohnsystem in jeder Form abzulehnen. Anarchie und Kommunismus sind die beiden Grundpfeiler seines Sozialismus. Sein Mittel die soziale Revolution. (…)” Und Augustin Souchy schreibt in seinem erwähnten Buch, Kropotkins “Ideal, ‘an Stelle eines vom Kreml beherrschten autokratischen Riesenreiches eine Föderation freier Gemeinden und freier Städte erstehen zu lassen’, ist nicht Wirklichkeit geworden.” Und, so können oder müssen wir leider hinzufügen, ist es – trotz Auflösung der Sowjetunion im Jahr 1991 – bis auf den heutigen Tag geblieben, auch wenn sich die Vorzeichen leicht verändert haben. Kropotkins Vision von einer herrschaftsfreien Gesellschaft ist eng verbundenmit seiner Vorstellung einer Föderation freier Genossenschaften und Gemeinden; sein libertärer Sozialismus auf der Grundlage gegenseitiger Hilfe hat von seiner Aktualität bis heute nichts eingebüßt.



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