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Michelle Chen
Ein Aufruf zum Frieden
Martin-Luther Kings Ruf nach Gerechtigkeit für Menschen unterschiedlicher Hautfarbe ist nach wie vor aktuell
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"Ich spreche (hier) als Weltbürger, denn die Welt ist erschüttert über den Weg, den wir eingeschlagen haben. Als einer, der Amerika liebt, spreche ich zu den Führern unserer Nation: Die große Initiative in diesem Krieg geht von uns aus; daher muss die Initiative, ihn zu stoppen, auch von uns ausgehen."

Martin Luther King Junior

(aus seiner Rede gegen den Vietnamkrieg: ’Beyond Vietnam’)

Als Martin Luther King 1967 nicht mehr zum Vietnamkrieg schweigen wollte und "die Stille durchbrach", brachte er die Rhetorik des Establishment, hinsichtlich ’Amerikas Mission in Südostasien’, ins Schleudern. Seine Rede trug den Titel: ’Beyond Vietnam: Time to Break the Silence’. (1) Er hielt sie in Manhattans Riverside Church. Nach mehr als 40 Jahren klingt sie noch immer revolutionär.

Damals schlug Martin Luther King den Rat einiger seiner engsten Berater in den Wind und vertrat eine politisch riskante, unpopuläre Haltung: Er verglich die Zerstörungen durch den Vietnamkrieg mit den Zerstörungen, die die Rassentrennung in der amerikanischen Gesellschaft anrichtete. Und er verglich den Freiheitskampf der Vietnamesen mit dem Freiheitskampf der ’farbigen’ Gemeinden Amerikas.

Viele Bürgerrechtsvertreter/innen vor King hatten das Thema ’Chancengleichheit für Nichtweiße’ mit dem Thema ’Patriotismus’ verbunden (siehe die Double-V-Kampagne während des Zweiten Weltkrieges). Doch King erkannte, wie krank der Vietnamkrieg war, was für ein Krebsgeschwür hier wucherte.

"Wenn die Seele Amerika einst völlig vergiftet sein wird, wird man im Autopsiebericht lesen müssen, dass "Vietnam" Teil der Erkrankung war. Solange sie (die Krankheit ’Vietnam’) die tiefsten Hoffnungen der Menschen auf der ganzen Welt zerstört, kann sie (Amerikas Seele) niemals gerettet werden."

Heute ist der Friedensaktivismus in Amerika viel enger mit den Bewegungen für Menschenrechte und für den Abbau der Rassenschranken verbunden als damals. Das verdanken wir nicht zuletzt dem Vorbild Martin Luther Kings. Doch der Krieg marschiert weiter und zertrampelt Seelen - auf fernen Schlachtfeldern und auf den Straßen Amerikas. Einige Aktivisten befürchten, die Präsidentschaftswahl 2008 könnte zu einer Schwächung der Antikriegsbewegung in Amerika geführt haben. Unter der Regierung Bush war die Opposition aufgeblüht. Jetzt (unter Obama) ist eine gewissen Lähmung eingetreten. Einigen Gruppen liegt wenig daran, eine Präsidentschaft anzugreifen, die allein schon für die Bürgerrechte ein Sieg ist.

In den kommenden Tagen werden Basisgruppen im ganzen Land an Kings Standpunkt zum (Vietnam-)Krieg erinnern und Bilanz ziehen: Wie groß oder klein sind die Fortschritte, seit King zum ersten Mal die Stille durchbrach?

In New York City werden ’Iraq Veterans Against the War’ (IVAW) vor Bewohnern der Bronx eine Lesung mit Texten von King abhalten. Andrew Johnson ist einer der IVAW-Organisatoren und selbst Irakkriegs-Veteran. Er glaubt, heutzutage könnte es noch schwieriger werden, die Stille zu durchbrechen:

"Die Mobilisierung des amerikanischen Volkes gegen die Kriege im Irak und in Afghanistan könnte eine noch schwierigere Aufgabe sein, als damals (die Mobilisierung) gegen den Vietnamkrieg. Die Opferzahlen (auf amerikanischer Seite) sind natürlich niedriger, und die allgemeine Wehrpflicht gibt es nicht mehr. Ein großer Teil der amerikanischen Öffentlichkeit kann das Problem ignorieren. Sie müssen nicht befürchten, dass es (ihr Leben) direkt betreffen wird, dass demnächst ein geliebter Angehöriger betroffen sein könnte. Die meisten der großen Medien berichten unseriös über die Kriege... Botschaften wie (Martin Luther Kings Rede) ’Beyond Vietnam...’ sind heute wichtig, aber in einem Klima der Apathie fällt es schwer, sie zu vernehmen."

King sagte damals zu seinem Publikum: "Die Bomben von Vietnam fallen zu Hause". Damit drehte er die gängige Vorstellung um, die da lautete: Nur unser vorgeblicher Feind, das Feindesland, werde den Preis der (verlorengegangenen) nationalen Sicherheit zahlen müssen. King versuchte, die Globalisierung der Bürgerrechtsbewegung voranzutreiben. Die Globalisierung hatte damals schon begonnen. Die Historikerin Mary Dudziak weist darauf hin, dass Aktivisten in der so genannten ’Dritten Welt’, die sich in der Nachkriegszeit in ihren gegen den Kolonialismus gerichteten Befreiungsbewegungen engagierten, die Proteste in Birmingham/Alabama sehr aufmerksam mitverfolgten. Sie suchten Inspiration und wollten eine Plattform, um die Heuchelei Washingtons anzuklagen.

King fürchtete, dass die Menschheit eher fähig wäre, sich selbst auszulöschen, als Mitmenschlichkeit zu zeigen. Der Literaturwissenschaftler David Bromwich schrieb einmal, King habe die moderne Kriegsführung folgendermaßen beurteilt: Die Technologie werde immer ausgefeilter, so dass "Dinge, die über Generationen hinweg geschaffen wurden, innerhalb eines Augenblickes durch (den) Vernichtungsschlag ausgelöscht werden können. So ergeht es der antiken Kultur und den Bauernhöfen und Wäldern Vietnams, die einer entfesselten amerikanischen Luftschlagkraft" ausgeliefert seien. Die Methoden der modernen Kriegsführung werden heute vor allem von der Technik bestimmt. Unbemannte Drohnen können einen Feind am Boden innerhalb einer Sekunde töten - aber auch Menschen, die sich unglücklicher Weise in dessen Umgebung aufhalten: Zivilisten, auch Kinder, die zwischen die Fronten geraten.

Gewalt hat die perverse Eigenschaft, die Karten neu zu mischen, wenn es um soziale Unterschiede und Loyalitäten geht. King schrieb damals:

"Immer wieder sehen wir auf den Fernsehbildschirmen diese grausame Ironie: schwarze und weiße Jungs töten und sterben gemeinsam - für eine Nation, die nicht einmal in der Lage ist, sie (Schwarze und Weiße) in der gleichen Schule (zu unterrichten und) nebeneinander zu setzen. Und so sehen wir mit an, wie sie in brutaler Solidarität die Hütten eines armen Dorfes niederbrennen, während uns gleichzeitig klar wird, dass sie in Detroit niemals im gleichen Block wohnen würden. Ich könnte nicht schweigen, angesichts dieser brutalen Manipulation der Armen."

Tragischerweise fiel der Gedenktag für Martin Luther King dieses Jahr mit den Nachwehen des Amoklaufs von Arizona zusammen. Diese Tat zeigt erneut, wie Gewalt die politische Arena unseres Landes vergiftet. Die Sinnlosigkeit des Gemetzels von Tucson erinnert an Kings Bild von "einer Gesellschaft, die kriegstoll geworden" sei und gefangen in einer Spirale der Militarisierung, die zu "Macht ohne Moral und zu Stärke ohne Weitblick" führe.

Medea Benjamin, von Code Pink, sagte gegenüber Colorline, Kings kompromisslose Antikriegshaltung sei heute aktueller denn je:

"Tauschen Sie das Wort ’Vietnam’ gegen das Wort ’Irak’ oder das Wort ’Afghanistan’ aus, und Sie haben eine sehr, sehr starke Rede. Sie werden vernehmen, warum es falsch ist, die Kriege zu führen, die wir führen, warum es Kriege gegen Menschen mit anderer Hautfarbe sind, warum es rassististische Kriege sind, (und Sie werden hören), dass wir uns nicht um unsere eigenen Soldaten scheren - um Menschen, die sich in der Heimat verzweifelt um einen Job oder eine Ausbildung bemüht haben, und die wir nun ins Ausland schicken, um arme Menschen zu töten. Leider ist diese (Rede) kein Widerhall der Vergangenheit sondern ein Weckruf der Gegenwart."

King hatte viele Facetten

Es gibt einen Martin Luther King, den wir nicht aus unseren Grundschulbüchern kennen: King, der Menschenrechtsaktivist, der Generationen von Widerstandsbewegungen - ob in den Todestrakten unserer Gefängnisse oder am Horn von Afrika - verbindet. Viele seiner Nachfolger waren radikaler in ihrer Wortwahl oder sind vom Kurs einer Strategie der Gewaltlosigkeit abgekommen. Martin Luther Kings Botschaft gegen den Krieg wird bleiben. Darum wurde in einigen panafrikanischen Kommentaren zum bevorstehenden Unabhängigkeitsreferendum im Südsudan (in diesem Monat) auch Martin Luther King zitiert. Venezuelas Präsident Hugo Chavez, der stolz darauf ist, ein Feind der US-Hegemonie zu sein, pries King vor kurzem als ’Märtyrer’.

Das ’Pakistan Solidarity Network’, mit Sitz in New York, bezeichnete Kings Rede ’Beyond Vietnam’ (in einem Kommentar zu seinem Gedenktag) als antiimperialistische Kritik:

"King drängt (uns), unsere Arbeit aus einer holistischen Perspektive zu sehen, denn das Imperialismusprojekt, dem wir uns widersetzen, akzeptiert keine Grenzen: Der "Krieg gegen den Terror" hat - in sozialer, rechtlicher und ökonomischer Hinsicht - eine Realität geschaffen, die zahllose Nichtweiße und Migranten, im eigenen Land und auf der ganzen Erde, zugrunde richtet."

Doch Kings Aussagen werden manchmal auch verzerrt und missbraucht. Seine Kommentare zum Thema ’Zionismus’ etwa wurden so verändert, dass sie die israelische Aggression in den Besetzten Gebieten unterstützen. Kings früher Tod stellt uns vor die schwierige Aufgabe, sein Vermächtnis zu interpretieren und für dessen internationale Verbreitung zu sorgen.

2009 schrieb Alan Singer ein Essay, in dem er die politisch korrekte (klinisch reine) Darstellung Kings in den Mainstream-Medien kritisierte. Singer behauptete:

"Wäre Dr. King nicht ermordet worden, sondern ein alter radikaler Aktivist geworden, der die amerikanische Politik immerzu infrage gestellt hätte, ich bezweifle, ob man ihn so sehr verehren würde. Tote Helden sind besser für ein Land, denn sie bringen einen nicht durch Bemerkungen in Verlegenheit, und sie lehnen sich nicht gegen kontinuierliche Ungerechtigkeiten und gegen unnütze Kriege auf."

King wurde fast sein ganzes - kurzes - Leben lang als unwillkommener Unruhestifter gesehen. Je älter er wurde, dessen mehr rückte sein Engagement gegen den Krieg und gegen die Armut in den Vordergrund seiner Aktivitäten. Das führte dazu, dass er in der Zeit kurz vor dem Attentat zunehmend negative Presse bekam. Wir können heute feiern, dass er lange genug gelebt hat, um uns ein Vermächtnis zu hinterlassen: einen Antikriegs-Aktivismus, der im Streben nach Gerechtigkeit zwischen den Menschen unterschiedlicher Hautfarbe verwurzelt ist.

Die Fellowship of Reconciliation (Versöhnungsbund) ist eine überkonfessionelle Friedensorganisation mit historischen Verbindungen zur Bürgerrechtsbewegung. Inspiriert durch Kings Friedensrede (’Beyond Vietnam...’) setzt sich die Organisation in ihrer neuesten Kampagne 2011, auf allen Kontinenten, für die "Demilitarisierung des Lebens & des Landes" (Demilitarization of Life & Land) ein.

Vor allem der Nahe/Mittlere Osten und Lateinamerika stehen dieses Mal im Mittelpunkt. Die Gruppe hat ihre Aufgabe unter folgendes Motto gestellt:

"Wir widersetzen uns der Militarisierung von Bereichen/Gebieten (wie weiterführende Schulen, Farmland, Militärbasen oder ganze Nationen), und wir widersetzen uns der Militarisierung unserer eigenen Person (wir lassen uns nicht vom Militär rekrutieren, wir verkaufen keine Waffen, wir drohen nicht mit Kriegen und beteiligen uns an keinen kriegerischen Handlungen)." Mit ihrer Kampagne wollen sie "friedliche Beziehungen durch Graswurzeldiplomatie, Begleitschutz für (Menschen aus) gefährdeten Gemeinden und neue Prioritäten im (amerikanischen) Bundeshaushalt" erreichen.

Beim jährlichen ’Peace Program’ im King Center von Atlanta, das vom American Friends Service Committee (AFSC) organisiert wird, konnte man sich Kings Vietnam-Rede (’Beyond Vietnam...’) wieder einmal anhören.

Die Rede ist zugleich ein wichtiger Anreiz, um über die heutige Friedensbewegung nachzudenken. Timothy Franzen - Programmdirektor des AFSC/Atlanta - wies auf den "sehr augenfälligen Zusammenhang zwischen dem aufgeblähten Militärhaushalt und der desaströsen heimischen Wirtschaftslage bzw. dem institutionalisierten Rassismus, den wir in unseren Schulen und Gemeinden sehen" hin.

Die Finanzierung der Kriege, zu Lasten von "Programmen, die den sozialen Aufstieg fördern", so Franzen, "hat zu einer Situation geführt, in der Kinder aus Familien mit geringem Einkommen häufig in den beiden destruktivsten Systemen unserer Gesellschaft landen (Systeme der Gewalt und der Unterdrückung): Entweder, sie landen beim Militär oder im industriellen Gefängnis-System. Beide Systeme gehen zu Lasten der Steuern, (sie führen zu) ethnischer Ungleichheit und sorgen dafür, dass die Furcht kontinuierlich auf einem so hohen Niveau bleibt, dass die (allgemeine) Öffentlichkeit keine Fragen stellt und Unterstützung gewährt".

Einige Teilnehmer/innen der Veranstaltung werden im Verlauf des Tages Sequenzen aus Kings Rede vorlesen. Seine Worte werden dann ebenso auf das Publikum wirken, wie sie es 1967 in der Riverside Church getan haben und dieselbe Vision skizzieren. Als King in seiner Rede auf die Zeit "nach Vietnam" blickte, dachte er an Konvergenz, an die Zukunft: Er wollte verschiedene Kampagnen verbinden - von denen man uns immer gesagt hatte, dass sie besser getrennt bleiben sollten. King aber sagte, sie seien "ein einziges (gemeinsames) Gewand des Schicksals " (a single garment of destiny).

Originalartikel: Martin Luther King, Jr.’s Call for Peace as Racial Justice Still Rings . Übersetzt von: Andrea Noll.


1. Im englischen Original ist die Rede hier nachzulesen und zu hören: ‘Beyond Vietnam: Time to Break the Silence’ http://www.lebenshaus-alb.de/magazin/005584.html.

Ebenfalls veröffentlicht in der Lebenshaus-Website ist die deutsche Übersetzung: "Jenseits von Vietnam" .
http://www.lebenshaus-alb.de/magazin/001713.html

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Michelle Chen arbeitet und schauspielert in New York City. Sie ist freie Reporterin. Nebenbei beschäftigt sie sich mit allerlei - zum Beispiel mit ethnologischen Untersuchungen in Shanghai (...) Sie hat Artikel für In These Times, South China Morning Post, Women’s International Perspective usw. veröffentlicht.



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