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Traditionspflege
Sogenannte Kriegsverbrecher
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In einer aktuellen Publikation huldigt die Bundeswehr führenden NS-Militärs. Bei diesen habe es sich mehrheitlich um "ehrenhaft kämpfende Soldaten" gehandelt, erklärt das Militärgeschichtliche Forschungsamt der deutschen Streitkräfte. Dennoch seien sie nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als "sogenannte NS-Verbrecher" gebrandmarkt worden. Ihre Reaktivierung für den Aufbau der Bundeswehr und die Remilitarisierung Westdeutschlands wird als notwendige Reaktion auf die "bedrohliche Ausrichtung" des sozialistischen Machtblocks bezeichnet. Nur die Existenz von Streitkräften habe in dieser Situation die "staatliche Souveränität" der Bundesrepublik sicherstellen können, schreibt das Militärgeschichtliche Forschungsamt.

Folgerichtig gelten der Institution die vormaligen Angehörigen der nationalsozialistischen Wehrmacht als "Glücksfall" für die Bundeswehr, zumal sie "militärfachlich hochbegabt" gewesen seien. Mit diesen Aussagen wird nicht nur die überkommene Traditionspflege der deutschen Armee aufrechterhalten, die sich bis heute in der Benennung von Kasernen nach ehemaligen NS-Generälen manifestiert. Die Umdeutung von Kriegsverbrechen zu gewöhnlichen Kriegshandlungen erweist sich darüber hinaus als nützlich, um ausländischen Opfern des NS-Terrors Entschädigungen zu verweigern. Schließlich ermöglicht sie es, auch in operativer Hinsicht an alte deutsche Kriegserfahrungen anzuknüpfen - Kriegsverbrechen inklusive.

"Historisch unscharf"

Wie das Militärgeschichtliche Forschungsamt der Bundeswehr (MGFA) in einer aktuellen Publikation schreibt, habe es sich bei den Angehörigen der nationalsozialistischen Wehrmacht mehrheitlich um "ehrenhaft kämpfende Soldaten" gehandelt. Dass zahlreiche NS-Militärs nach 1945 wegen schwerster Kriegsverbrechen strafrechtlich belangt wurden, spielt für das MGFA dabei lediglich eine untergeordnete Rolle: Der Begriff "Kriegsverbrecher" wird als historiographisch "unscharf" charakterisiert und deshalb stets in Anführungszeichen geschrieben. Auch von nationalsozialistischen Massenmördern ist nur als "sogenannten(n) NS-Verbrecher(n)" die Rede.[1]

"Alternativlos"

Dass zahlreiche NS-Kriegsverbrecher am Aufbau der Bundeswehr in den 1950er Jahren beteiligt waren, stellt das MGFA als alternativlos dar. Der "Neuaufbau ohne die Soldaten der Wehrmacht" sei "unmöglich" gewesen, heißt es. Zur Begründung führt das MGFA einerseits den geringen "Wehrwillen" der westdeutschen Bevölkerung an und verweist andererseits auf die "bedrohliche Ausrichtung der kommunistischen Mächte, denen sich entschieden entgegengestellt werden musste". Ohne Armee wäre letztlich auch "der Weg zu einer gleichberechtigten Position im westlichen Bündnis sowie einer staatlichen Souveränität versperrt" gewesen, schreibt die Militäreinrichtung weiter. Entsprechend erscheint die "Ausstattung der Bundeswehr mit Mehrzweckwaffen für konventionelle und nukleare Munition" als folgerichtig und unabdingbar.[2]

Terrorwirkung

Im Anschluss daran porträtiert das MGFA einen vormaligen NS-General, der sich besonders für Atomwaffenschläge einsetzte - Josef Kammhuber. Hatte sich Kammhuber bereits im November 1923 geweigert, gegen die Putschisten um Adolf Hitler auszurücken, avancierte er nach der Machtübernahme der NSDAP 1933 zu einem der engsten Vertrauten des Reichsmarschalls Hermann Göring. Von diesem mit weit reichenden Vollmachten ausgestattet, organisierte Fliegergeneral Kammhuber den rücksichtslosen Luftkrieg gegen die von Deutschland überfallenen Länder. 1959, mittlerweile Inspekteur der Bundesluftwaffe, forderte Kammhuber, die Sowjetunion der "ausgemachte(n) Terrorwirkung" von Atomwaffen auszusetzen; es gehe darum, einen "vernichtenden Schlag gegen den Lebensraum des Feindes zu führen", erklärte der General in gewohnter NS-Diktion.[3]

Militärfachlich hochbegabt

Das MGFA würdigt Kammhuber als "militärfachlich hochbegabt".[4] Verschwiegen wird, dass der Bundeswehrgeneral in seiner Eigenschaft als Inspekteur der Luftwaffe 1960 die Laudatio auf einen verstorbenen NS-Kriegsverbrecher hielt. Zu Grabe getragen wurde der vormalige NS-General Albert Kesselring, den ein britisches Militärgericht 1947 als Verantwortlichen für die Erschießung von 335 Geiseln in den Fosse Ardeatine in Rom zum Tode verurteilt hatte. Kesselring wurde 1952 begnadigt; die Bundesrepublik hingegen weigert sich bis heute, die italienischen Opfer des NS-Terrors zu entschädigen - allen entsprechenden Urteilen italienischer Gerichte zum Trotz.

Aufstandsbekämpfung

Gleichzeitig hält Berlin auch im Fall Josef Kammhuber an der seit den 1950er Jahren überkommenen Traditionspflege der Bundeswehr fest. Wie im Falle zahlreicher anderer NS-Generäle und Kriegsverbrecher wurde auch nach ihm eine Kaserne benannt. Die Kriegserfahrungen von Militärs wie ihm wiederum werden aktuell an deutschen Universitäten ausgewertet. So betrachtet eine Publikation der "Außen- und Sicherheitspolitischen Studienkreise" den Vernichtungskampf, den Wehrmacht und SS während des Zweiten Weltkriegs in den von ihnen besetzten Gebieten führten, scheinbar neutral unter dem Aspekt der Aufstandsbekämpfung: Behandelt werden NS-Operationen gegen die französische Résistance ebenso wie gegen sowjetische und jugoslawische Partisanenverbände).

[1], [2] Helmut R. Hammerich/Rudolf J. Schlaffer: Einleitung. In: Helmut R. Hammerich/Rudolf J. Schlaffer/Militärgeschichtliches Forschungsamt (Hg.): Militärische Aufbaugenerationen der Bundeswehr 1955 bis 1970. Ausgewählte Biographien. Sicherheitspolitik und Streitkräfte der Bundesrepublik Deutschland Bd. 10. R. Oldenbourg Verlag: München 2011

[3], [4] Wolfgang Schmidt: "Sich seines Wertes bewusst"! General Josef Kammhuber, ebd.



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