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„Strike Bike“ geht in Konkurs
Ulf Martin, Hamburg
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Im November 2010 hat die Strike Bike GmbH, mit ihren verbliebenen zwei Geschäftsführern André Kegel und Sven Aderhold als Vollzeitkräften und zwei geringfügig Beschäftigten, Insolvenz angemeldet. Die Produktion wird, laut Insolvenzverwalter Rolf Rombach, Ende des Jahres eingestellt.


Damit ist der Versuch, aus dem Widerstand gegen die Übernahme der Nordhausener Fahrradwerke durch einen Finanzinvestor heraus eine selbstorganisierte Produktion aufzubauen, Geschichte. Nach dem Beitritt der fünf neuen Länder hatte die süddeutsche Firma Biria einige ostdeutsche Fahrradwerke übernommen. Im Jahr 2005 war der US-amerikanische Finanzinvestor Lone Star bei Biria eingestiegen. Im Rahmen einer Strategie der »Marktbereinigung« sollte das Werk Nordhausen im Sommer 2007 geschlossen werden.

Die Arbeiter wehrten sich dagegen, indem sie das Werk besetzten und – auch motiviert durch die FAU, andere Aktivisten und Gewerkschaften – mit der Produktion des »Strike Bike« begannen. Die Aktion war ein großer Erfolg, es
gab weltweite Unterstützung, bis Oktober war die erste Serie von 1.800 Rädern verkauft. Obwohl bis Ende 2007 die meisten der ursprünglich 135 festen und 160 Leiharbeiter in einer Transfergesellschaft untergekommen und im November die letzten Produktionsanlagen abtransportiert waren, sah es zwischenzeitlich so aus, als ob die verbliebene fünfköpfige Belegschaft einen selbstverwalteten Betrieb würde aufbauen können (CONTRASTE berichtete im April 2008 und Mai 2009).

Noch im Jahr 2009 gelang es, über 2.500 Räder zu verkaufen und es gab Pläne, in den boomenden Markt der Elektrofahrräder einzusteigen. Die Strike-Biker hatten jedoch mit äußeren Widrigkeiten zu kämpfen: Der Markt der preiswerten Alltagsfahrräder ist hart umkämpft, die Zulieferer lieferten zu schlechte Qualität für höherwertige Räder. Das Ende deutete sich ab Frühjahr 2010 an, als auch unterstützende Fahrradhändler niemanden mehr in Nordhausen telefonisch erreichen konnten und bei Bestellungen zwar Geld entgegengenommen, aber keine Räder mehr ausgeliefert wurden.

Das Schicksal von Strike Bike zeigt auch: Trotz der Erfahrung von gemeinschaftlichem Widerstand und der Fähigkeit, eine Produktion selbst organisieren zu können, war kaum ein Zehntel der ursprünglichen Belegschaft bereit, das Experiment eines selbstverwalteten Betriebes auf Dauer zu wagen. Dabei zeigen Beispiele aus Deutschland, aber vor allem auch Italien und Lateinamerika, dass Belegschaften dabei erfolgreich sein können. Die Kombination aus existenzieller Not und Handlungsdruck unter Zeitnot kann einerseits verborgene Kräfte freisetzen, macht aber die Lage andererseits schwierig, was entmutigen kann. Es dürfte für eine breite Verankerung der Selbstorganisation in der Gesellschaft darauf ankommen, dass diese nicht bloß als letzter Ausweg erscheint, sondern bewusst aus einer Situation heraus angestrebt wird, in der es aktive Handlungsmöglichkeiten gibt. Dazu braucht es den Wunsch, frei von Herrschaft anderer über das eigene Leben zu sein, und einen entsprechenden Gestaltungswillen. Bei Finanzinvestoren, Managern und ihren politischen Helfern jedenfalls ist der Wille, auch auf Kosten anderer gestaltend auf die gesellschaftlichen Verhältnisse einzuwirken, regelmäßig im Übermaß vorhanden.

Dieser Artikel erschien in der CONTRASTE Nr. 315, Dezember 2010


Mehr infos zu "Strike Bike"

- LabourNet
- FAU


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