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Merle Hilbk
Protesttraining
Wie kette ich mich richtig an?
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In Stuttgart geht das Bürgertum seit Wochen auf die Straße. Es protestiert gegen den umstrittenen Umbau des Bahnhofs. Protest-Veteranen geben dabei Ratschläge. Damit der Widerstand auch garantiert gelingt.

Ein Gefühl dafür bekommen, wie Protest abläuft

Geduldig hebt die alte Dame die Arme, um sich an die Buche in ihrem Rücken ketten zu lassen. „Würden Sie so lieb sein, meine Arme nicht zu fest an den Stamm zu drücken? Ich habe Osteoporose!“, bittet sie sanft, während ihr Mann, weißhaarig und fragil, von zwei breitschultrigen Herren unter den Achseln gepackt und weggetragen wird. Eine halbe Stunde später stehen die beiden erschöpft, aber lächelnd am Kaffeestand im Stuttgarter Schlossgarten. „Ich staune über mich selbst, dass ich mich auf einmal an einer solchen Aktion beteilige“, sagt er. Sie ergänzt: „Und dass ich so viel Freude dabei habe!“

Die „Aktion“ ist eine Trainingseinheit der Protestinitiative „Parkschützer“, die interessierten Bürgern kostenlos die „Techniken des zivilen Ungehorsams“ vermittelt. „In praktischen Übungen werden gewaltfreie Aktionen geplant und trainiert“, heißt es im Veranstaltungsflyer – so, als würde er für ein Yogaseminar werben und nicht für die Konfrontation mit der Polizei. Schließlich sind Zielgruppe des Trainings weder der Antifa-Nachwuchs noch die kampfgestählten ehemaligen Kaderlinken. Sondern das Stuttgarter Bürgertum, vom Ingenieur aus Feuerbach über die Lehrerin aus Killesberg samt Schulklasse bis hin zum Unternehmer aus exklusiver Halbhöhenlage, Zigtausende, die in den vergangenen Wochen mit schwäbischer Gründlichkeit demonstrierten und sich ebenso gründlich auf diese Demos vorbereiteten.

Das „persönlichen Protest-Rezept“

Wie kette ich mich an einen Baum? Die Parkschützer in Stuttgart haben geübt

„Ich musste erst ein Gefühl dafür kriegen, wie so ein Protest abläuft. Schließlich mache ich so etwas zum ersten Mal“, sagt Freerk Valentin, Galerist in dritter Generation, der in Stuttgarts Halbhöhe lebt. „Aber als ich dann gebeten wurde, bei einer Demo das Mikrofon zu ergreifen, habe ich gemerkt, was es mir bedeutet, sich mit dem, was man ist und was man darstellt, politisch einbringen zu können.“

Ein Satz, den man in dieser Distinguiertheit früher wohl eher selten von einem Demonstranten gehört hätte. Ein Wackersdorf- oder Mutlangen-Blockierer, der ihn einem Journalisten in den Block diktiert hätte – unvorstellbar! Denn Protest war in den siebziger, achtziger Jahren in Deutschland vor allem mit einem Gefühl verbunden: der Opposition zum Staat, ja, der Dissidenz. Politisch zu sein bedeutete, die Regierung in Rechtfertigungsdruck zu bringen, wie ein versprengter Haufen Davide, der sich gegen die von der Macht verblendeten Goliathe auf der Regierungsbank auflehnte. Das Theoriegerüst dazu lieferte Jürgen Habermas mit seinem Essay „Legitimationsprobleme des Spätkapitalismus“.

Das Demo-Buch 2010 heißt „Protest! Protest! Wie ich die Welt verändern und dabei auch noch Spaß haben kann“, eine Selbsthilfefibel von Kirsten Brodde, einer Hamburger Journalistin, die ein Dutzend Menschen nach ihrem „persönlichen Protest-Rezept“ befragt und aus den Antworten eine Art Checkliste für Protestneulinge destilliert hat. Denn längst geht es nicht mehr um Widerstand gegen den Staat. „L’etat, c’est moi“ heißt es nun, Ausdruck eines besonders in Stuttgart wie im Brennglas erkennbaren neuen bürgerlichen Selbstbewusstseins.

„Als gebildeter Mensch kann man doch nur die Hände über dem Kopf zusammenschlagen, wenn man mitbekommt, wie viele Politiker bei entscheidenden Fragen daherschwätzen! Da ist keinerlei geistige Substanz vorhanden,“ sagt Freerk Valentin. Die Presseerklärungen der Bürgerinitiativler und die Kurzvorträge engagierter Bürger, von Geologen, Kunsthistorikern, Juristen und Ökonomen, die mit ihrem Wissen am Bauzaun aufgetreten sind, seien weitaus fundierter gewesen als alles, was man dazu von Regierungsseite zu hören bekommen habe. Und dazu noch die Verschwendung, die Lügen und die Arroganz – wie könne man solchen Politikern noch vertrauen?

Die neue Lust am zivilen Ungehorsam

Ja, man müsse sich auf jeden Fall wehren, die Zeit der Indifferenz sei vorbei, meint auch Petra Bewer, die in Halbhöhenlage ein Architektur-Antiquariat führt. Aber nur auf friedliche Weise; ja, mit einer „gewissen künstlerischen Note“. Sie verweist auf Lesungen am Bauzaun, auf Vorträge, klassische Konzerte. Neulich sei sogar eine russische Bandoneon-Gruppe aufgetreten, und das alles kostenfrei. Man habe gar kein Bedürfnis mehr, in den Urlaub zu fahren, weil man bei den Demos viel interessantere Sachen erleben und neue Verbindungen knüpfen könne. „Auf einmal hat man das Gefühl, Teil einer Gemeinschaft zu sein, die für ihre Ziele einsteht“, sagt Barbara Werner van Benthem, eine Antiquariatskollegin und Lektorin. „Das ist wie eine Bemächtigung.“

Aktionsformen müssen sich dem Zeitgeist anpassen
Eine bürgerliche Bemächtigung, die aus einer Ecke inspiriert und befördert wurde, die früher eher als antibürgerlich galt; von Menschen, die einst despektierlich als Revoluzzer, als Berufsprotestierer bezeichnet wurden. Die den Boden für die neue Protestbewegung bereiteten, indem sie das Bewusstsein, die Methoden und Strukturen für die neue Lust am zivilen Ungehorsam schufen.

Der Mann für das Bewusstsein heißt Jochen Stay, ein kerniger Mittvierziger mit Jeans und Kapuzenshirt, der sich schon als Mannheimer Schüler am liebsten dort aufgehalten hatte, wo Konflikte direkt ausgetragen wurden: vor dem Pershing-II-Depot in Mutlangen, auf dem Bauplatz der Wiederaufbereitungsanlage Wackersdorf, den Schienen, auf denen die Castoren ins Wendland befördert wurden.

Die Lebensbedingungen waren hart

Ohne die Online-Mobilisierung, meinen Stuttgart 21- Gegner, hätte sich der Protest niemals so schnell ausgebreitet

Mit 15 hatte ihn seine Schwester mit zu einer evangelischen Jugendgruppe genommen, die mit kleinen Protestaktionen auf die großen, scheinbar unlösbaren globalen Probleme aufmerksam zu machen versuchte: Fruchtboykotts gegen die südafrikanische Apartheidpolitik, Lichterketten gegen das Wettrüsten, „Kaffeekampagnen“ gegen die Ausbeutung der Dritten Welt. „Dort aktiv werden, wo die Missstände liegen“ – dieser Ansatz aus der lateinamerikanischen Befreiungstheologie, über die in der Gruppe viel diskutiert worden sei, habe sich ihm tief eingeprägt, weil er auf ihn wie ein Antidepressivum gewirkt habe: „Wir haben doch damals alle geglaubt, dass der Weltuntergang kurz bevorsteht. Deswegen haben die meisten aus meiner Klasse wie besinnungslos gefeiert. Das war mir zu oberflächlich. Ich wollte lieber etwas tun.“

Nach dem Abitur zog er für zwei Jahre in das Blockadecamp in Mutlangen, stellte sich tagsüber der Polizei in den Weg, spürte Raketenabschussrampen in den Wäldern auf und stritt sich abends mit anderen Campbewohnern, deren Nerven oft blank lagen. Die Lebensbedingungen im Camp waren hart: Es gab weder Heizung noch regelmäßig Strom und Wasser, und Freizeitbeschäftigungen waren verpönt – ein Campbewohner hatte sich mit seiner ganzen Existenz dem Widerstand zu verschreiben.

Doch am Ende wurden die Raketen abgezogen, und er gewann eine Überzeugung, die ihn zur Fortsetzung des Widerstandes in Wackersdorf und in der „Republik Freies Wendland“ ermunterte: dass Protest etwas bewirkt. „Ich habe nie nachvollziehen können, warum die Leute geklagt haben, dass die Mächtigen sowieso machen, was sie wollen. Letztlich haben doch fast alle Protestbewegungen ihr Ziel erreicht.“

Beratung bei der Planung von Protestaktionen

Um seine eigene Existenz machte er sich dabei wenig Sorgen. „Von irgendwoher kam immer ein bisschen Geld“, zuerst durch den Verkauf der „Graswurzelrevolution“, einer anarchistischen Monatszeitung, und später durch private Kleinspender, die sein Anliegen unterstützten. Mit seiner Frau, die er während einer Demo kennenlernte, und zwei Töchtern wohnt er – wie es für einen Mann mit seiner Biographie kaum passender sein könnte – in einem Dorf im Wendland. Gemüse und Obst kommen aus dem eigenen Garten, das Brot vom Biobäcker in der Nachbarschaft. Wenn der Castor wieder rollt, stehen auch seine Frau und die beiden Töchter mit an der Strecke. „Im Wendland gehört das einfach dazu“, sagt Jochen Stay, „da verabreden sich die Kinder schon in der Schule zur Demo.“
Außerhalb des Wendlands aber registrierte er eine schwindende Protestbereitschaft, ja fast eine Lethargie, wie er sie aus seiner Jugend kannte. Selbst die Castor-Blockaden drohten zu einer Art Ehemaligentreffen zu verkommen, obwohl sich bei Meinungsumfragen ein Großteil der Bevölkerung als Atomkraftgegner outete. Da beschloss er, „.ausgestrahlt“ zu gründen, eine bundesweite Anti-Atom-Organisation, die alte und neue Gegner mobilisieren sollte - nicht zuletzt, indem sie die vielen kleinen, über das ganze Land verstreuten Initiativen und Vereine vernetzte, über eine „Schaltzentrale“ in Hamburg, in der fünf über Spenden finanzierte Mitarbeiter und Praktikanten arbeiten. Diese machten sich als Erstes daran, die alten Logos mit der lachenden Sonne auf T-Shirts und Fahnen zu drucken und sie über einen eigenen Versandhandel an Demogruppen zu verschicken, die sich nicht die Mühe machen wollten, selbst welche zu entwerfen. Darüber hinaus boten sie ihnen an, sie bei der Planung von Protestaktionen zu beraten. Auch in Stuttgart war er, um die Demonstranten tatkräftig zu unterstützen - und sich mit den neuen Protestprofis der Generation Web 2.0 zu treffen, die mittlerweile ebenso seinen Rat suchen wie er ihren. Nicht zuletzt für die nächste Castor-Blockade, die im November ansteht und die größte seit Jahren werden soll, dank der gemeinsamen Mobilisierung verschiedenster Protestgruppen, die über unterschiedlichste Adressverteiler und unterschiedlichste Mobilisierungskanäle verfügen. Von den Medien ist der ruhige, unprätentiöse Stay mittlerweile zur Galionsfigur erkoren worden, zum romantischen Helden der alten Protestbewegung. „Eigentlich galt ja in der Szene die Regel, dass nicht einer aus der Gruppe herausstechen soll“, sagt er. „Aber die Medien wollen heute immer für alles ein Gesicht, und so halte ich meines halt hin.“

Mutig, kreativ und lernbereit

Der Mann der Methoden sitzt seit 30 Jahren in einem kleinen Büro am Hamburger Fischmarkt: Gerhard Wallmeyer ist einer der Gründer von Greenpeace Deutschland - eine Organisation, die in den achtziger Jahren quasi das erfand, was heute als State of the Art gilt: den Protest ohne (Theorie-)Überbau. Es ging es nicht um die Veränderung der gesamten Gesellschaft, den Politikwechsel. Sondern um konkrete, einfach zu benennende Probleme: Dünnsäureverklappung in der Nordsee, Dioxinausstoß von Chemiefirmen, Giftmüllexporte und Sicherheitslücken in Atomkraftwerken. Probleme, auf die die Greenpeacler nicht mit der klassischen Demo aufmerksam machen wollten, sondern mit „Kampagnen“. Das waren abenteuerliche Aktionen mit hohem logistischem Aufwand: Schlauchbootblockaden auf hoher See, das Anketten an Industrieschornsteine, Werkstore und Bäume, Undercoverrecherchen bei Müllexporteuren und Umweltsündern, Flashmobs bei Konferenzen und Aktionärsversammlungen. Protestformen, die spektakuläre Bilder für die Medien lieferten und später von Protestgruppen weltweit nachgeahmt wurden. Jeder sollte mitmachen können, der mutig, kreativ und lernbereit war. „Egal, woher man kam, egal, wo man politisch stand - das einzige, was bei uns zählte, war die Bereitschaft, sich tatkräftig zu engagieren“, erzählt der 59 Jahre alte Wallmeyer. Er selbst kam zu dieser Art von Engagement allein durch Zufall: Nach seinem Pädagogikstudium hatte er einen Organisationsjob beim CVJM angetreten, der in Hamburg gerade ein neues Büro bezogen hatte. Dort wurde er von Monika Griefahn angesprochen, der späteren niedersächsischen Umweltministerin und SPD-Bundestagsabgeordneten, die einen Raum für eine neu gegründete Bürgerinitiative suchte. Wallmeyer überließ ihnen sein Nebenzimmer und beobachtete verwundert, wie dort vier junge Menschen mit Schlauchbootführern und Fassadenkletterern konferierten. Als in der „Tagesschau“ die Bilder von zwei Männern gesendet wurden, die vom Schornstein des Dioxin-Sünders Boehringer ein Riesentransparent mit dem Slogan „Erst wenn der letzte Baum gefällt ist . . .“ herabließen, brach über die kleine Initiative eine Postlawine herein, die die Freizeit-BI’ler allein nicht mehr bewältigen konnten.

Aktionsformen, die an den Zeitgeist angepasst sind

Gerhard Wallmeyer, der beim CVJM das Organisieren gelernt hatte, kam nach Feierabend herüber und richtete eine professionelle Buchhaltung ein, ersann neue Organisationsstrukturen und Fundraisingmethoden. Ein Jahr später kündigte er seinen alten Job und wurde Profi-Campaigner. Das hieß, sich ständig in neue Themen einzuarbeiten, um die Welt zu reisen, um Kampagnen weltweit zu betreuen und Mitarbeiter ausländischer Greenpeace-Büros zu schulen. Vor allem aber verhandelte er mit potentiellen Geldgebern, wurde dank seines Begeisterungsvermögens und eines besonderen Kommunikationstalentes zu einem der erfolgreichsten Fundraiser der Republik.

Der Erfolg von Greenpeace besteht nach Wallmeyers Ansicht vor allem darin, dass sie ihre Aktionsformen dem Zeitgeist angepasst, zum Beispiel in Zeiten sinkenden Interesses an Umweltaktivismus auch rein lösungsorientierte Kampagnen wie die Erfindung des ersten FCKW-freien Kühlschranks entwickelt hätten. So gelten die Kampagnen auch weiterhin als Orientierungsmarke und Inspirationsquelle für die junge, Web-2.0-Protest-Generation. „Es gibt nicht nur einen Weg zur Wahrheit“, sagt er. „Und letztlich liegt die Entscheidungsmacht doch in den Händen der Politik. Das muss man sich immer bewusst machen.“

Atomfässer, Verkleidungen, Riesentransparente

Christoph Bautz ist der Mann für die Strukturen. Ein Mobilisierungsprofi, dessen Handwerkszeug das Internet ist. 2004 gründete der Biologe und einstige Attac-Mitarbeiter mit früheren Kollegen die Organisation Campact, ein Protestdienstleister für die Generation Web 2.0, der zwei Dinge gleichzeitig erledigt, die früher meist getrennt abliefen: „Campaign“, das Aufspüren, die Information über und die Unterstützersuche für gesellschaftlich relevante Themen, und „Action“, die Organisation und Umsetzung von Protestaktionen - was dann meist in Zusammenarbeit mit den alten, klassischen Protestorganisationen geschieht. Die Menschenkette zwischen den Reaktoren Krümmel und Brunsbüttel haben sie etwa zusammen mit Jochen Stays „.ausgestrahlt“ organisiert, und bei Stuttgart 21 verließen sie sich auf die vor 15 Jahren von dem linken Protestveteranen Gangolf Stocker gegründete Bürgerinitiative „Leben in Stuttgart“ - und halfen wiederum fleißig bei der elektronischen Mobilisierung der Stuttgarter.

25 Kampagnen hat Christoph Bautz sich bisher von Verden/Aller aus mit erdacht, dem Dienstsitz von Campact, für den sie sich bewusst entschieden haben: wegen der Ruhe zum Nachdenken. Die Inszenierungen, die sie dort ausbrüten - die gelben Atomfässer, die Verkleidungen, die Riesentransparente - ähneln denen von Greenpeace, wo einige Campact-Mitarbeiter auch gelernt haben. „Die Leute müssen sich heute spontan beteiligen können, rasch vor dem Fußballspiel oder nach der Arbeit“, sagt Bautz, 38 Jahre alt. „Heute richtet kaum einer mehr sein Leben nach dem Protest aus. Man geht vielleicht mal zu einer Anti-Atom-Demo, aber ist für eine gegen Kohlekraftwerke schon nicht mehr zu gewinnen. Das ist der Unterschied zu den achtziger Jahren, wo man entweder unpolitisch oder mit Haut und Haaren politisiert war.“ Das, was andere als Verlust betrauern, sei für Campact Geschäftsgrundlage. „Man muss die einzelnen Leute nur gezielt für das Thema mobilisieren, das sie interessiert. Dann kann man Großdemos auf die Beine stellen, von denen man früher nur träumen konnte.“

Eine schöne neue Protestwelt

Die Mobilisierungstools dazu brachten Bautz und seine Kollegen aus Amerika mit, wo sie sich nach ihren ersten Berufserfahrungen für ein Aufbaustudium eingeschrieben hatten. In Amerika hatten es ausgerechnet die, die dort lange für apolitisch gehalten wurden - die Computernerds aus dem Silicon Valley - geschafft, mit Hilfe von Kettenmails, Blogs und Internetforen eine Protestwelle gegen die Außenpolitik von George W. Bush loszutreten und ehemalige Anti-Vietnamkriegs-Aktivisten mit den Kindern der New Economy demomäßig zu vereinen. Etwas Ähnliches schwebte ihnen auch für Deutschland vor: die Veteranen der Achtziger-Jahre-Protestbewegung mit den hochmobilen Attac-&-Co.-Jungaktivisten und dem Bürgertum zu vereinen. So machten sie sich daran, diese Vision mit Hilfe von Privatspenden und findigen Programmierern umzusetzen - auch in Stuttgart.

Eine schöne neue Protestwelt, wie sie der italienische Marxist Toni Negri, die intellektuelle Instanz vieler globaler Protestorganisationen, sich schon in den siebziger Jahren als Zukunftsideal ausgemalt hatte: „Die Produktionsmittel werden immer stärker in die Köpfe und Körper der Masse integriert sein. In diesem Zusammenhang bedeutet Wiederaneignung, freien Zugang zu und Kontrolle über Wissen, Information, Kommunikation und Affekte zu haben.“
In Stuttgart scheint diese Vision Wirklichkeit geworden zu sein. Ohne die Online-Mobilisierung, meint Barbara Werner van Benthem, hätte sich der Protest niemals so schnell ausgebreitet. Sie selbst, die vorher höchstens per Mail kommuniziert habe, informiere und verständige sich nun über alle Aktivitäten per Twitter. Und Petra Bewer erzählt, wie sie im Theater ein internetgesteuerter SMS-Aufruf auf ihrem Handy erreichte, schnell zum Bahnhof zu kommen, wo gerade die Bagger anrückten. Minuten später stand sie in Pumps und Abendkleid in der aufgebrachten Menge. Und auch das ist Stuttgart: „Egal, was mit Stuttgart 21 passiert - das, was hier geschehen ist, lässt sich nicht wieder zurückdrehen“, sagt Freerk Valentin. „Man weiß jetzt, dass es normal ist, für seine Rechte auf die Straße zu gehen.


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