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Augsburg
Stadt des Friedens
Forschungszentrum der Rüstungsindustrie
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Mit Millionensummen fördert die bayerische Landesregierung die Einrichtung eines Forschungszentrums für die Rüstungsindustrie in Augsburg. Der projektierte "Innovationspark" in unmittelbarer Nachbarschaft zur Augsburger Universität soll primär der Entwicklung neuer Werkstoffe für den Flugzeugbau dienen. Ziel ist explizit, die gesamte "Wertschöpfungskette" zu integrieren - von der Grundlagenforschung bis zur großseriellen Produktion. Augsburg zählt zu den traditionellen Zentren der deutschen Rüstungsindustrie; während des Zweiten Weltkriegs beuteten die dortigen Waffenschmieden Tausende ins Deutsche Reich deportierte Zwangsarbeiter aus. Ungeachtet dieser Tatsachen bezeichnet sich die Kommune als "Stadt des Friedens".

AUGSBURG Stadt des Friedens

Kritiker werfen ihr daher vor, gegen ihre selbst gewählten Prinzipien zu verstoßen und durch die Ansiedlung von Einrichtungen der Militärforschung einer "Zweckentfremdung" von Haushaltsmitteln Vorschub zu leisten.


Die gesamte Wertschöpfungskette

Wie die Stadt Augsburg mitteilt, will sie gemeinsam mit dem Bundesland Bayern einen industriellen "Innovationspark" in unmittelbarer Nachbarschaft zur Universität einrichten. In die Erschließung und Bebauung des 700.000 Quadratmeter großen Geländes sollen in den nächsten Jahren 500 Millionen Euro investiert werden. Im Mittelpunkt des Projekts steht die Weiterentwicklung der Kohlefaserverbundtechnologie, die insbesondere für den Flugzeugbau relevant ist. Den Planungen zufolge soll der "Innovationspark" eine "enge Verzahnung von Wissenschaft und Produktion" gewährleisten [1] - "von der Grundlagenforschung bis hin zur Serienreife hochwertiger Produkte".[2] Zu den Kooperationspartnern des Projekts zählen etliche namhafte deutsche Rüstungsunternehmen, darunter EADS, MAN und MT Aerospace, eine Tochtergesellschaft des Bremer OHB-Konzerns.

Kampfjets

Die fachliche Beratung bei der Gestaltung des "Innovationsparks" hat ein sogenannter Kompetenzrat übernommen, dem Repräsentanten führender Zulieferbetriebe deutscher Waffenschmieden angehören. Vertreten sind die Renk AG, die Kuka AG und SGL Carbon. Während die MAN-Tochter Renk zu den weltweit führenden Produzenten von Antriebssystemen für Kriegsschiffe und Panzer zählt, befassen sich Kuka und SGL mit der seriellen Massenproduktion von Kohlefaserverbundwerkstoffen (Carbon Fiber Komposit/CFK), die aufgrund ihrer Leichtigkeit für die Produktion von Kampfjets immer wichtiger werden. Analysten zufolge wird der Anteil des neuartigen Materials am Strukturgewicht von Flugzeugen in den nächsten Jahren von derzeit 15 bis 38 Prozent auf 60 Prozent steigen.[3]

A400M

Mit der Entwicklung von Kohlefaserverbundwerkstoffen beschäftigen sich auch das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) und die Fraunhofer-Gesellschaft. 2011 sollen sie ihre Gebäude im Augsburger "Innovationspark" beziehen; bereits im Sommer dieses Jahres wurden hierfür Fördermittel in Höhe von 24 Millionen Euro an die beiden staatlichen Forschungseinrichtungen ausgezahlt. DLR und Fraunhofer-Gesellschaft sind neben den Universitäten in Karlsruhe und Stuttgart die zentralen Akteure des "Kompetenzzentrums Fahrzeugleichtbau". Ziel des Forschungsverbunds ist laut DLR die Entwicklung von "Hochleistungsbauteile(n) mit maximalem Leichtbaupotential" für die Luft- und Raumfahrtindustrie [4]; verwiesen wird in diesem Zusammenhang unter anderem auf einen "CFK-Außenflügel" des von EADS produzierten Militärtransporters A400M.[5]

Zwangsarbeiter

Im Rahmen der Werbung für ihren "Innovationspark" bezeichnet sich die Stadt Augsburg nicht nur als "bedeutendes Zentrum für Faserverbundtechnologie", sondern ebenso als "traditionsreichen Industriestandort".[6] Teil dieser Tradition ist auch die Entwicklung zahlreicher Waffenschmieden; wie einer lokalhistoriographischen Studie zu entnehmen ist, entwickelte sich Augsburg während des Nationalsozialismus zu einem "reichsweit bedeutende(n) Rüstungszentrum". Über die Zeit des Zweiten Weltkriegs heißt es: "Die Augsburger Wirtschaft (...) konnte nur durch die Ausbeutung von Zwangsarbeitern die Flugzeuge, Motoren, Waffen und anderen Kriegsgüter herstellen und so ihren Beitrag zur NS-Kriegswirtschaft leisten."[7] In einer "Übersicht des Rüstungskommandos Augsburg über die Belegung der Baracken- und Firmenlager" vom 20. Juni 1944 finden sich mit MAN, Renk und Kuka (Keller und Knappich) drei zentrale Protagonisten des projektierten "Innovationsparks"; allein Kuka beschäftigte dem Dokument zufolge 1.400 Zwangsarbeiter.[8]

Anno 1555

Dessen ungeachtet erklärt sich die Stadt Augsburg unter Rückgriff auf den anno 1555 zwischen katholischen und protestantischen Fürsten geschlossenen "Religionsfrieden" zur "Stadt des Friedens".[9] Kritiker werfen der Kommunalverwaltung nun vor, mit der Einrichtung des "Innovationsparks" dieses selbst gewählte Image zu "konterkarieren": Öffentliche Finanzmittel würden im Sinne der Rüstungsindustrie "unzulässig zweckentfremdet".[10]

Schwarzes Gold

Die staatliche und kommunale Subventionierung von Rüstungsfirmen dürfte nicht zuletzt der Tätigkeit des in Augsburg beheimateten Vereins "Carbon Composites" (CCeV) geschuldet sein. CCeV zählt nach eigenen Angaben etliche Waffenschmieden und deren Zulieferer zu seinen Mitgliedern, darunter EADS, MT Aerospace, Kuka, SGL und Rheinmetall. Wie die Organisation in einer Selbstdarstellung schreibt, sieht sie ihre zentrale Aufgabe in der "Lobbyarbeit für die Faserverbundtechnologie" [11] - offenbar mit Erfolg: Der Augsburger Lokalpresse gelten CFK-Materialien als "schwarzes Gold".[12]

[1] Die Standortvorteile; www.innovationspark.augsburg.de

[2] Die Idee; www.innovationspark.augsburg.de

[3] Faserverstärkte Kunststoffe knüpfen an Zeiten vor der Krise an; www.dowjones.de 30.09.2010

[4] Faserverbundtechnologie; www.dlr.de

[5] Lars Herbeck (DLR/Institut für Faserverbundleichtbau und Adaptronik): OE Faserverbundtechnologie. Technologische Kompetenz für die Luft- und Raumfahrt und darüber hinaus

[6] Industriestandort mit Geschichte; www.innovationspark.augsburg.de

[7], [8] Wolfgang Kucera: Fremdarbeiter und KZ-Häftlinge in der Augsburger Rüstungsindustrie. Augsburg 1996

[9] Die offizielle URL der Stadt Augsburg lautet city-of-peace.de.

[10] Änderung des Flächennutzungsplans für den Bereich "Engineering Campus zwischen B 17 und Universität". Eine kritische Stellungnahme des Fachforums Nachhaltige Stadtentwicklung; www.forumaugsburg.de 30.03.2010

[11] Aktivitäten; www.carbon-composites.eu

[12] Der neue "Science-Park" nimmt Formen an; Augsburg direkt 2/2009


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