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Divergences, Revue libertaire internationale en ligne
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Ingeborg Weber-Brandies und Achim v. Borries
„Anarchismus-Theorie, Kritik, Utopie"
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Das Buch dokumentiert und kommentiert die libertäre Tradition vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis in die jüngste Vergangenheit. Sowohl die theoretischen Grundpositionen der AnarchistInnen wie ihr bedeutender Anteil an der Sozialistischen Bewegung, an der Russischen Revolution und am Spanischen Bürgerkrieg werden aufgezeigt. Porträts der wichtigsten VertreterInnen des Anarchismus runden diese umfassende Textsammlung ab, die differenziert die komplexe Entwicklungsgeschichte des Anarchismus nachzeichnet und die meist unterschlagenen konstruktiven Tendenzen deutlich macht. Der Band enthält Beiträge von W. Godwin, M. Bakunin, P. J. Proudhon, P. Kropotkin, G. Landauer, R. Rocker, A. Berkman, E. Malatesta, Voline, V. Serge, E. Goldman, A. Souchy, G. Leval, G. Orwell, H. Read, P. Goodman.

Der von Ingeborg Weber-Brandies und Achim v. Borries neu herausgegebene Reader "Anarchismus - Theorie/Kritik/Utopie" ist ein "Klassiker der Klassiker". Das Buch wurde Ende der 1960er Jahre konzipiert und ist 1970 erschienen. Es waren die Jahre der »antiautoritären Revolte« der 1968er Bewegung, in denen auch hierzulande der Anarchismus neu entdeckt wurde.

Mit ihrem Anarchismus-Reader haben die Herausgeber seinerzeit eine Textsammlung vorgelegt, die eine differenzierte Urteilsbildung über die geschichtliche Entwicklung, die verschiedenen Richtungen und konstruktiven Tendenzen des Anarchismus erlaubte. Das Buch dokumentiert und kommentiert die libertäre Tradition vom Beginn des 19. Jahrhunderts bis in die jüngere Vergangenheit. Die theoretischen Grundpositionen der AnarchistInnen wie auch ihr bedeutender Anteil an der Sozialistischen Bewegung, an der Russischen Revolution und am Spanischen Bürgerkrieg werden aufgezeigt. Porträts der wichtigsten VertreterInnen des Anarchismus runden die bearbeitete Neuauflage dieser umfassenden Textsammlung ab. Ihren editorialen Anspruch beschreiben die Herausgeber im Vorwort zur Neuauflage des Buches wie folgt:

"Wir waren damals und sind auch heute davon überzeugt, dass es sich bei der antiautoritären Tradition des Anarchismus um eine ernstzunehmende Form entschieden freiheitlichen Denkens handelt, die aus den sozialen und politischen Auseinandersetzungen des 19. und 20. Jahrhunderts erwachsen ist und innerhalb derselben dank ihres kritischen Potentials und ihres emanzipatorischen Impetus einen bedeutenden Platz einnimmt. Es waren Anarchisten, die schon früh die autoritäre Grundtendenz des Marxismus und später die bolschewistische Parteidiktatur kritisierten. Der spanische Anarchosyndikalismus wagte in den ersten Jahren des Spanischen Bürgerkrieges (1936/37) ein beispielloses sozialrevolutionäres Experiment. Der Kampf gegen repressive Strukturen auf allen Ebenen des gesellschaftlich-politischen Lebens und das Eintreten für weltweite soziale Gerechtigkeit und Völkerverständigung sind Grundelemente der anarchistischen Tradition."

Hinsichtlich der politischen Erfolgsaussichten des Anarchismus sind Weber-Brandies und v. Borries eher skeptisch, was jedoch nicht seine Bedeutung als erstrebenswerte soziale Utopie mindert:
"Es bleibt offen und kann nur durch weitere, langfristige geschichtliche Erfahrung entschieden werden, ob das Ziel des Anarchismus, eine herrschaftsfreie solidarische Gesellschaft, auf den von ihm selbst propagierten Wegen, ja ob es überhaupt in der vorgestellten Form erreichbar ist. Das mindert nicht die Bedeutung dieser Utopie einer libertären Ordnung sozialer Gleichheit und menschlicher Solidarität als Gegenentwurf zu allen Herrschafts- und Gewaltverhältnissen - gerade auch zu denen einer Globalisierung unter kapitalistischen Bedingungen. Dass ein kritisch-alternatives Denken wie dieses in unserer gedankenlosen Produktions- und Konsumgesellschaft gewöhnlich als »abwegig« oder als bloße »Narretei« abqualifiziert wird, spricht nicht gegen den Anarchismus, sondern bezeugt nur Ignoranz und eine erschreckende Verkümmerung der sozial-philosophischen Reflexion. Das Prinzip Hoffnung der anarchistischen Utopie bleibt unverzichtbar, wenn wir uns nicht einer resignativen Kapitulation vor den Trägheitskräften des Bestehenden und ebenso wenig der destruktiven Dynamik eines ungehemmten Neoliberalismus ausliefern wollen!"

Die Textsammlung wurde so nachgedruckt, wie sie 1970 erschienen ist (allerdings wurden biographische Daten ergänzt, offensichtliche Fehler korrigiert und bibliographische Angaben aktualisiert). Damit ist das Buch selbst ein Stück Zeitgeschichte, ein Dokument aus den bewegten Jahren um 1968. Die im Zuge der 1968er Bewegung und danach einsetzende Theoriediskussion und neuen Aktionsformen in der neo-anarchistischen Bewegung bleiben in dem Buch unberücksichtigt. Das schmälert jedoch nicht seinen Wert als ein "Klassiker der Klassiker". Wünschenswert wäre jedoch ein Folgeband, der in Anlehnung an den von Weber-Brandies und v. Borries gesetzten Standard eine gleichermaßen kompetente und differenzierte Auswahl von Quellentexten zum neuen Anarchismus der Folgezeit anbietet und dabei solche wichtigen zeitgenössischen Strömungen, wie den Anarchafeminismus, Ökoanarchismus und den Graswurzel-Anarchismus sowie den Aktions- und Alltagsanarchismus der alternativen Bewegungen berücksichtigt.

Jochen Schmück


Autorenporträt
Achim von Borries ist freier Publizist in Bremen. Publikationen u. a.: Selbstzeugnisse des deutschen Judentums 1870-1945 (Hg., 1962, 1988); John Stuart Mill: Über Freiheit (Hg. u. Übers., 1969); Bertrand Russell: Politische Schriften (Hg., 1972); Preußen und die Folgen (Hg., 1981).

Ingeborg Weber-Brandies ist Professorin für Englische Philologie an der Ruhr-Universität Bochum. Publikationen u.a. zu Virginia Woolf (1974), zu dem marxistischen Kritiker Christopher Caudwell (1980), zum englischen Schauerroman (1983) und zu Weiblichkeit und weiblichem Schreiben (1994).




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