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In einem "Wegweiser" für die deutschen Besatzungstruppen in Afghanistan stellt die Bundeswehr positive Bezüge zu NS-Militärs her. Die Schrift wird nicht nur in der Truppe, sondern auch über öffentliche Bibliotheken verbreitet. In ihr heißt es etwa über Generalmajor Oskar Ritter von Niedermayer, er repräsentiere die "guten deutsch-afghanischen Beziehungen" vor, während und nach dem Zweiten Weltkrieg. Bewusst unterschlagen wird, dass das NSDAP-Mitglied Niedermayer dem Beirat der "Forschungsabteilung Judenfrage" des NS-Reichsinstituts für die "Geschichte des neuen Deutschlands" angehörte. Verantwortlich für die Publikation ist das Militärgeschichtliche Forschungsamt der deutschen Streitkräfte und dessen "Modul Einsatzunterstützung". Zu den Autoren zählte ursprünglich auch Dietrich Witzel.

Witzel gehörte während des Zweiten Weltkriegs der NS-Sondereinheit "Brandenburg" an, die für zahlreiche Kriegsverbrechen und Massenmorde an Juden verantwortlich ist. Laut Reinhard Günzel, bis 2003 Kommandeur des "Kommandos Spezialkräfte" der Bundeswehr, gelten die "Brandenburger" in der Truppe bis heute "als geradezu legendär".

Gute Beziehungen

Der von der Bundeswehr für die deutschen Besatzungstruppen in Afghanistan herausgegebene landeskundlich-historische "Wegweiser" erschien zuletzt mit einer Auflage von 90.000 Exemplaren im Verlag Ferdinand Schöningh und wird auch über öffentliche Bibliotheken vertrieben. Das Buch befasst sich über weite Strecken mit dem NS-Offizier Oskar Ritter von Niedermayer. Seine "schillernde Biografie" habe ihn, einen "passionierte(n) Wissenschaftler", im Verlauf "mehrerer Geheimmissionen" sowohl nach Persien als auch nach Afghanistan geführt, heißt es. Versuchte Niedermayer während des Ersten Weltkriegs, die Afghanen zum "heiligen Krieg" gegen die britische Kolonialmacht aufzustacheln, führte er während des Zweiten Weltkriegs eine Sondereinheit "turkmenischer" Freiwilliger, die zur "Partisanenbekämpfung" in Jugoslawien eingesetzt wurde. Niedermayer stehe damit für die "guten deutsch-afghanischen Beziehungen" vor und nach 1945, erklärt die Bundeswehr.[1]

Forschungsabteilung Judenfrage

Der "Wegweiser" unterschlägt dabei, dass der "passionierte Wissenschaftler" Niedermayer seit 1933 der NSDAP angehörte. Unterschlagen wird auch, dass Niedermayer 1939 - neben seinem Lehrstuhl für "Wehrgeographie" an der Universität Berlin - einen Sitz im Beirat der "Forschungsabteilung Judenfrage" des "Reichsinstituts für Geschichte des neuen Deutschland" erhielt.[2] Wie renommierte Historiker urteilen, widmete sich das "Reichsinstitut" unter Leitung des NS-Funktionärs Walter Frank ausschließlich einer "pointiert antisemitischen Geschichtsschreibung". Ihren Angaben zufolge beschwerten sich selbst "einschlägig profilierte Rassenforscher" des NS-Regimes über die Arbeit des Instituts: Man könne "nicht die ganze Weltgeschichte nur von der Judenfrage her sehen".[3]

"Geeignete Spezialisten"

Verantwortlich für die Herausgabe des "Wegweisers" ist das Militärgeschichtliche Forschungsamt der Bundeswehr (MGFA). Zur Ausarbeitung historisch-landeskundlicher Schulungsmaterialien für die deutschen Interventions- und Besatzungstruppen unterhält die Einrichtung eigens einen "Wissenschaftlichen Beirat Einsatzunterstützung". Diesem obliege sowohl die "Prüfung von Manuskripten" als auch die "Beratung in konzeptionellen Fragen", heißt es. Wie das MGFA weiter mitteilt, "begleite" man zur Zeit "Produkte zu den Regionen Balkan, Afghanistan, Afrika und Naher Osten"; bei Bedarf werde man "geeignete Spezialisten zusätzlich kooptier(en)".[4]

NS-Geheimdienstbasis

Für die Erstellung des Afghanistan-"Wegweisers" hatte das MGFA ursprünglich auch Dietrich Witzel kooptiert. Während des Zweiten Weltkriegs gehörte Witzel der NS-Sondereinheit "Brandenburg" an - einer geheimen Kommandotruppe der Wehrmacht, die für zahlreiche Kriegsverbrechen und Massenmorde an Juden verantwortlich ist. Im April 1941 bestand Witzels Aufgabe nach eigener Aussage darin, in Kabul einen "Stützpunkt" der deutschen Militärspionage aufzubauen, der als "Basis für geheimdienstliche Operationen" gegen Britisch-Indien fungieren sollte.[5] Über dieses "Unternehmen Tiger" berichtet Witzel noch in der 2009 erschienenen dritten Auflage des "Wegweisers" - als scheinbar neutraler Zeitzeuge.[6] Dass er dies nicht ist, zeigt ein Interview, das er der extrem rechten "Deutschen Militärzeitschrift" gegeben hat. Damals wie heute sei es darum gegangen, "Deutschland am Hindukusch zu verteidigen", erklärte der ehemalige "Brandenburger" darin.[7]

Lehrbeispiele

Ähnliche Positionen vertritt auch Reinhard Günzel, bis Ende 2003 Kommandeur des "Kommandos Spezialkräfte" der Bundeswehr (KSK). Seiner Auffassung nach ist der "überwiegenden Mehrheit" der in Afghanistan operierenden KSK-Soldaten klar, dass ihr Einsatz "nicht der erste Kommando-Einsatz auf afghanischem Boden" ist.[8] Die Operationen der "Brandenburger" seien "Lehrbeispiele erfolgreicher Kommandoeinsätze", erklärt Günzel und verweist darauf, dass diese bei der kämpfenden Truppe "als geradezu legendär" gälten: "Die Kommandosoldaten des KSK wissen genau, wo ihre Wurzeln liegen."[9]

Grabpflege

Dem Bezug auf "Wurzeln" in der Wehrmacht Nazideutschlands entspricht es, dass Deutsche in Kabul auch das Grab eines "Brandenburgers" pflegen, der im Zweiten Weltkrieg gemeinsam mit Witzel an Operationen in Afghanistan beteiligt war und dabei ums Leben kam. Während Witzel allerdings behauptet, die Grabpflege sei Aufgabe der ISAF-Truppe [10] beziehungsweise der "Kameraden des KSK" [11], erklärt die Bundesregierung, die deutsche Botschaft in Kabul lasse "dem Friedhofsgärtner für die Pflege der Anlage regelmäßig einen kleinen Geldbetrag zukommen": "Im Haushaltsjahr 2008 wurden dafür 50 US-Dollar aufgewendet."[12]

[1] Militärgeschichtliches Forschungsamt/Bernhard Chiari (Hg.): Wegweiser zur Geschichte - Afghanistan. 3. Auflage. Paderborn u.a. 2009; www.mgfa-potsdam.de

[2] Ernst Klee: Das Personenlexikon zum Dritten Reich. Wer war was vor und nach 1945? Frankfurt/M. 2005

[3] Wolfgang Benz u. a. (Hg.): Enzyklopädie des Nationalsozialismus. 3. Auflage. München 1998

[4] Beiräte; www.mgfa-potsdam.de

[5] Zweimal Kabul. "Unternehmen Tiger" und ISAF; Deutsche Militärzeitschrift, Nr. 49, Jan./Feb. 2006

[6] Dietrich Witzel: "Unternehmen Tiger" 1941. In: Militärgeschichtliches Forschungsamt/Bernhard Chiari (Hg.): Wegweiser zur Geschichte - Afghanistan. 3. Auflage. Paderborn u.a. 2009

[7] Zweimal Kabul. "Unternehmen Tiger" und ISAF; Deutsche Militärzeitschrift, Nr. 49, Jan./Feb. 2006

[8] "Entschlossenheit und Präzision". Im Gespräch mit dem ehemaligen KSK-General Reinhard Günzel; Deutsche Militärzeitschrift, Nr. 49, Jan./Feb. 2006

[9] Reinhard Günzel/Wilhelm Walther/Ulrich K. Wegener: Geheime Krieger. Drei deutsche Kommandoverbände im Bild. Selent 2007

[10] Dietrich Witzel: "Unternehmen Tiger" 1941. In: Militärgeschichtliches Forschungsamt/Bernhard Chiari (Hg.): Wegweiser zur Geschichte - Afghanistan. 3. Auflage. Paderborn u.a. 2009

[11] Zweimal Kabul. "Unternehmen Tiger" und ISAF; Deutsche Militärzeitschrift, Nr. 49, Jan./Feb. 2006

[12] Bundestags-Drucksache 16/14021, 08.09.2009




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