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Shelley Douglass
Nachdenken über unsere Wurzeln…
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Shelley Douglass lebt gemeinsam mit ihrem Mann Jim Douglass in Birmingham, Alabama, USA. Shelley D. bietet seit 1993 in Mary´s House, einem Catholic Worker-Haus, Unterkunft für benachteiligte Menschen an und engagiert sich gemeinsam mit Jim D. für Gewaltfreiheit und Frieden.1 Als Mitbegründer des Ground Zero Center for Nonviolent Action , das gleich neben der Basis der Trident-Atom-U-Boote in Seattle, Washington liegt, halfen Shelley und Jim Douglass ab 1977 mit, eine Widerstandsgemeinschaft aufzubauen, die 250 Dörfer und Städte entlang der Bahnstrecke des "White Train" umfasste, welcher Atomwaffen zur Basis transportiert. In nachfolgendem Artikel verknüpft Shelley Douglass aktuelle Ereignisse mit dem Nachdenken über ihre Wurzeln.

In den letzten Wochen war das Leben hier in Birmingham frostig. Es war kalt in Mary’s House, nachts tropften die Wasserhähne und tagsüber mussten wir drei Schichten Kleidung tragen. Bei unseren Mahnwachen für den Frieden froren wir, egal wie viele Schichten wir trugen. Die obdachlosen Freunde, die den Bürgersteig mit uns teilen, haben sich in die Notunterkünfte oder die "Wärmestation" der Stadt verkrochen. Es fahren noch immer viele Autos auf dem Weg zur Arbeit an uns vorbei; in diesen Tagen grüßen uns viele mit Hupen oder aufgerichteten Daumen.

Nach der morgendlichen Mahnwache komme ich zurück zu Mary’s House um mich bei einer Tasse Kaffee aufzuwärmen, die Vögel zu wecken und sie zu füttern, und dann mit dem Tagewerk zu beginnen. Manchmal müssen Dankesbriefe geschrieben oder Flugblätter vorbereitet werden. Manchmal müssen Nahrungsmittel aussortiert und verteilt werden. Einmal wöchentlich besuche ich eine ältere Freundin, um mit ihr Karten zu spielen. Ist das Haus geöffnet gibt es meistens Leute, mit denen ich mich unterhalte, manchmal Krisen, bei deren Lösung ich zu helfen versuche, Listen mit Hilfsangeboten, die ich verteile, Anfragen für Bustickets, Essen oder warme Kleidung - immer irgendetwas.

Mehrmals im Jahr kommen Schüler- und Studentengruppen vorbei, die über den Catholic Worker gelesen haben. Wir reden und erzählen Geschichten. Außerdem kommen Studenten (und Erwachsene) als Freiwillige, um auszuhelfen. Wir haben hier Versammlungen. Meist feiern wir monatlich im Wohnzimmer die Eucharistie. Oft haben wir gemeinsame Mahlzeiten, als Potluck (2) oder eher informell.

Ich liebe es, die Bücher von Dorothy Day(3) oder Bücher wie das von Richard Cleaver (4) zu lesen. Sie inspirieren durch eine Vision wie die Welt aussehen könne. Wenn die neueste Eskalation des Krieges oder der Ungerechtigkeit gegen die Armen mich in Rage bringt lese ich diese Bücher wieder um Trost und Hoffnung zu gewinnen. Während meines ganzen Erwachsenenlebens habe ich mich in der Arbeit für soziale Veränderung engagiert. Schwere Arbeit, schlechte Bezahlung (wenn überhaupt), aber viel Hoffnung und Freude sowie einige Abenteuer. Im letzten Dezember bin ich 65 geworden (keine Ruhestandspläne!), und im Jahr davor haben die Vereinigten Staaten unter der Flagge des Wandels einen schwarzen Präsidenten gewählt. Mein erstes wirkliches Engagement war für das "Student Nonviolent Coordinating Committee" (5), indem ich Spenden und Resourcen für die Freiheitsschulen im Süden gesammelt habe. Mein Leben wurde 1965 beim Demonstrieren in Montgomery am Ende des Selma-Marsches verändert.(6)

Ich erkannte bei den Märschen für bessere Wohnbedingungen in Milwaukee den nördlichen Rassismus und war nach dem Tod Dr. Kings am Boden zerstört. Durch diesen Tod erkannte ich auch die Bedeutung der Auferstehung. Gemeinsam mit vielen Weißen fing ich an, unsere eigene Beteiligung an der Unterdrückung zu hinterfragen, und das führte mich zur Friedens- und zur Frauenbewegung - der Versuch, Verantwortung für sowohl unsere Komplizenschaft mit dem Bösen zu übernehmen als auch dafür, dass wir selbst zu Opfern gemacht wurden.

Ich muss zugeben, dass ich bis zur Wahl nicht geglaubt habe, dass Obama gewinnen könne. Erst gehörte ich zu den Skeptikern, dann zu den Überglücklichen - dass die Wahl eine tiefe Bedeutung haben könne, die noch nicht verstanden wurde. Ich respektiere Präsident Obama für seinen Intellekt, seine Belesenheit, seinen guten Willen - und die sehr schwierige Aufgabe, die er übernommen hat. Ich bin froh, dass er Präsident ist (und ja, ich habe gewählt - ihn).

Doch genau diese Wahl bringt mich zu den Catholic Worker-Prinzipien zurück, an die ich glaube und deren tiefere Wahrheit ich leben möchte. Über Jahre hinweg habe ich beobachtet, wie Frauen und farbige Menschen historische Erstleistungen erbrachten: erster Geschäftsführer eines der 500 umsatzstärksten börsennotierten Unternehmen, erster afro-amerikanischer General, erste Frau im Militäreinsatz, erste britische Premierministerin, erste indische Premierministerin, erste Außenministerin. Da kommt mir der Gedanke: Ich habe mich doch nicht in der Frauenbewegung engagiert, damit Frauen freier sind, andere Menschen zu unterdrücken. Ich bin nicht für gleiche Rechte marschiert, damit irgendeine Gruppe andere Menschen ausbeuten darf. Ich habe nicht demonstriert und gearbeitet, damit irgendeine Form von "wir" Anteil am amerikanischen Kuchen hat. Ich habe für einen NEUEN Kuchen demonstriert und gearbeitet, bei dem Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und das gemeinsame Wohl die Hauptzutaten sind.

Der Catholic Worker ist ein Versuch so zu leben als hätten wir einen neuen Kuchen. Wir versuchen zu leben als ob niemand das Recht hätte, jemand anderes zu töten. Trotz des obersten Gerichtshofes der USA und der Verfassung sowie verschiedener Dogmen und Stellungnahmen glauben wir nicht an ein Menschenrecht auf Abtreibung. Wir glauben ebenfalls nicht an ein Menschenrecht, Waffen zu tragen oder Menschen im Krieg umzubringen oder Gift in die Venen von Gefangenen zu injizieren oder Folter einzusetzen oder an Euthanasie. Wir glauben mit dem Buch Genesis, dass die menschliche Rasse - jede und jeder von uns - nach dem Bilde Gottes erschaffen wurde und damit heilig ist. Wir glauben nicht an ein Recht, Wohlstand anzuhäufen während andere hungern; wir glauben, dass das Recht auf Privatbesitz sich dem Recht auf ein angemessenes Leben für alle unterzuordnen hat. Wir glauben mit dem Evangelium dass wir alle eins sind, von Gott geliebt, und dass Gott auf besondere Weise in denen gegenwärtig ist, die leiden, dass Gott uns liebt und will, dass wir einander lieben, so wie Jesus es bis zum Tode getan hat.

Für Jim und mich haben diese Überzeugungen hier in Birmingham zu Mary’s House und seinem ziemlich chaotischen Leben geführt; sie haben zu Jims Arbeit des Schreibens und Forschens zur Aufdeckung der Wahrheit unserer Geschichte geführt. Wir versuchen, Verantwortung zur Schöpfung dieses neuen Kuchens zu übernehmen - Schritt für Schritt, auf die personalistische Art und Weise.

Es gibt viele Wege den Wandel, den wir suchen, zu leben. Wichtig ist dass wir ihn tatsächlich leben und nicht nur davon träumen oder darüber klagen, dass er nicht geschieht. Barack Obama hat mit einem Programm des Wandels kandidiert, aber wirklicher Wandel kommt nur wenn wir, wir alle, uns entscheiden, unser Leben zu verändern und fordern, dass sich die Regierung ebenfalls verändert. Ein Präsident allein kann die tiefen Veränderungen, die notwendig sind, nicht bewirken, es sei denn es gibt eine Bewegung, die auf ihn (oder sie) Druck ausübt, und auch dann nur unter großen Risiken. Jeden Tag gestalten wir die Zukunft. Wie gestalten wir sie?

Fußnoten

1) Die 1933 von Dorothy Day und Peter Maurin gegründete Catholic Worker-Bewegung ist eine Laienbewegung, die den radikalen Auftrag des Evangeliums zu leben trachtete und trachtet. Aus dieser Bewegung gründeten sich – zuerst in den USA, dann weltweit – "Houses of Hospitality", die in persönlicher Atmosphäre in verschiedenster Art und Weise benachteiligten Menschen unterstützen (Obdachlose, Behinderte, Arme …). Die Mitarbeiter verzichten meist auf Gehalt und leben damit in freiwilliger Armut, um den Staat nicht durch Einkommenssteuern zu unterstützen. Weitere Leitideen sind neben freiwilliger Armut die "persönliche Beziehung" und Gewaltfreiheit. Siehe auch: The Catholic Worker Movement .

2.) Potluck ist eine vor allem in den Vereinigten Staaten bei Kirchengemeinden, Sportvereinen oder anderen Gruppen verbreitete Zusammenkunft, bei der jeder Teilnehmer eine Speise mitbringt, die für mehrere Teilnehmer reicht und dann mit allen geteilt wird. So kommen ohne großen Aufwand für den Einzelnen mehrgängige Buffets zusammen, und je größer die Gruppe, desto vielfältiger die Auswahl.

3). Die am 8. November 1897 in New York geborene Dorothy Day war die "große alte Frau eines kompromisslosen Katholizismus, Pazifistin und Anarchistin, Gründerin des Catholic Worker" (Dorothee Sölle). Dorothy Day lebte in Besitzlosigkeit und im Dienst für die, die von der Gesellschaft aufgegeben sind und in den allermeisten Fällen auch sich selber aufgegeben hatten. Der andere Schwerpunkt von Dorothy Days Leben war eine durch die Bergpredigt inspirierte kompromisslose Gewaltfreiheit. Als sie während des Vietnamkrieges bei einer Protestaktion verhaftet wurde, haben viele Christen in den USA verstanden, was für ein Krieg und was für ein System das ist, das es nötig hat diese absolut furchtlose alte Frau ins Gefängnis zu werfen. Das Geheimnis Dorothy Days war ihre Fähigkeit, ihre radikale soziale Haltung mit einer tiefen mystischen Frömmigkeit zu verbinden. Sie war eine fromme Radikale. Am 29. November 1980 starb sie im Alter von 83 Jahren.

4. New Heaven, New Earth. Practical Essays on the Catholic Worker Program, Marion SD 1993.

5. Das Student Nonviolent Coordinating Committee (SNCC) zählt zu den bedeutendsten Organisationen der schwarzen Bürgerrechtsbewegung in den USA. Seine Kampagnen und direkten gewaltfreien Massenaktionen in den sechziger Jahren spitzten die Kämpfe der US-amerikanischen Schwarzen gegen die rassistische Diskriminierung zu und trieben sie voran.

6. Die von Martin Luther King geleitete Protestbewegung zur Durchsetzung des Wahlrechts für Schwarze hat 1965 verschiedene Aktionen in Selma/Alabama durchgeführt. Geplant war auch ein Marsch von Selma nach Montgomery, der Hauptstadt Alabamas. Beim ersten Marschversuch wurden die friedlich marschierenden Bürgerrechtler bereits auf der Emund-Pettus-Brücke in Selma von Polizisten und Soldaten aus Alabama aufgehalten und brutal zusammengeschlagen. Damit wurde der Protestmarsch von Selma nach Montgomery gewaltsam verhindert. King hat daraufhin zum "Marsch der Geistlichen" nach Montgomery aufgerufen. Dieses Unternehmen hat er aber kurzfristig abgebrochen, weil es ihm zu gefährlich erschien. Schließlich begannen King und über dreitausend andere Bürgerrechtler am 21. März 1965 unter dem Schutz von Bundestruppen einen fünftägigen Protestmarsch von Selma nach Montgomery, der Hauptstadt Alabamas, wo am 25. März eine große Kundgebung mit über 25.000 Teilnehmern stattfand.

Quelle: Magnificat, Zeitschrift von Mary´s House, Januar 2010.

Originalartikel: Reflections on the Roots….

Übersetzung: Bernd Büscher.

* Talk - Jim and Shelley Douglass - Video (engl.)

http://www.youtube.com/watch?v=2AyDHbUF_Jw



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