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Howard Zinn - Interview mit Chomsky, Klein...Teil II
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(Pause)
Wir sind nun mit Anthony Arnove verbunden. Naomi Klein ist hier bei uns. Es ist ein trauriger Tag. Es ist der Tag nach Howard Zinns Tod. Ich möchte eines der letzten Interviews, das wir mit ihm geführt haben, einblenden.
Es entstand im Mai 2005. Er kam gerade aus New York, um für sein neues Buch zu werben.

(Einblendung)
Howard Zinn, Sie schreiben in der Einleitung für (Ihr neues Buch) ’A Young People’s History of the United States’*: "Über die Jahre hinweg haben mich Einige gefragt: "Glauben Sie, dass sich Ihr Geschichtswerk - das sich radikal von normalen Geschichtsbüchern über die USA unterscheidet -, für junge Menschen eignet? Wird es nicht zu einer Desillusionierung hinsichtlich unseres Landes führen? Ist es richtig, Regierungspolitik derart zu kritisieren? Ist es richtig, die traditionellen Helden der Nation zu demontieren - wie Christopher Columbus, Andrew Jackson oder Theodore Roosevelt?""

Howard Zinn:

Ja, stimmt. Immer wieder haben mich Leute gefragt: Sollen wir den Kids wirklich erzählen, dass Columbus (von dem ihnen ja gesagt worden war, er sei ein großer Held), Indianer verstümmelt, entführt und getötet hat - auf der Suche nach Gold? Sollen wir den Leuten sagen, dass Theodore Roosevelt, einer unserer großen Präsidenten, in Wirklichkeit ein Kriegstreiber war, der militärische Abenteuer liebte und einem amerikanischen General gratulierte, der auf den Philippinen ein Massaker veranstaltet hatte? Sollen wir den jungen Leuten das erzählen?

Ich denke, die Antwort lautet: Wir sollten ehrlich zu den Jungen sein; wir sollten sie nicht täuschen. Wir sollten ehrlich sein, was die Geschichte unseres Landes angeht. Wir sollten traditionelle Helden - wie Andrew Jackson oder Theodore Roosevelt - nicht nur stürzen, sondern durch alternative Helden für die Jugend ersetzen.

Erzählt ihnen nicht von Theodore Roosevelt, erzählt ihnen stattdessen von Mark Twain. Mark Twain - nun, alle haben gelernt, dass Mark Twain der Autor von ’Tom Sawyer und Huckleberry Finn’ war. Aber in der Schule haben wir nichts über Mark Twain den Vizepräsidenten der ’Anti-Imperialist League’ gelernt. Wir haben nicht gelernt, dass Mark Twain Theodore Roosevelt für dessen Beifall für das Massaker auf den Philippinen verurteilt hat. Nein.

Wir sollten den jungen Leuten Vorbilder geben wie (die Taubblinde) Helen Keller. Ich erinnere mich an das, was ich über Helen Keller gelernt habe. Jeder von uns hat gelernt, dass sie eine behinderte Frau war, die ihre Behinderung überwunden hat und schließlich berühmt wurde. Aber die Leute - die jungen Leute - lernen in der Schule nicht, dass Helen Keller auch eine Sozialistin und Gewerkschaftsorganisatorin war. Einmal weigerte sie sich, eine Linie von Streikposten zu durchbrechen, die ein Theater bestreikten, in dem gerade ein Stück über sie aufgeführt wurde. DAS wollen wir mit Büchern wie ’A Young People’s History of the United States’ erreichen.

Es gibt sie also, die alternativen Heldengestalten der amerikanischen Geschichte: Fanni Lou Hamer oder Bob Moses sind Helden der Bürgerrechtsbewegung. Viele Menschen steh’n im Dunkeln. Man sieht sie nicht. In ’A Young People’s History...’ schreiben wir beispielsweise über eine junge Frau, die in Montgomery in einem Bus saß und sich weigerte, nach hinten zu gehen. Das war noch vor Rosa Parks. Ich meine, Rosa Parks ist zu Recht berühmt, weil sie sich weigerte, ihren Sitzplatz (einem Weißen) zu überlassen. Mit ihrer Verhaftung nahm der Montgomery-Bus-Boykott seinen Anfang. Das war tatsächlich der Beginn der großen Bewegung im Süden. Doch, das oben genannte 15jährige Mädchen war die Erste, die es tat. Und wir haben viele.... wir versuchen, etliche dieser Menschen, die im Dunkeln steh’n, wieder in den Mittelpunkt unserer Aufmerksamkeit zu rücken, und wir wollen junge Leute inspirieren, zu sagen: "So sollte ich mein Leben führen". (Ende Einblendung)
Ja, das war Howard Zinn. Wir sind nun mit Anthony Arnove in New York verbunden. Naomi Klein ist hier bei uns in Sundance. Im vergangenen Jahr war Howard Zinn mit Anthony Arnove hier - mit ihrer gemeinsamen Dokumentation ’Let The People Speak’**, die damals Premiere hatte. Anthony Arnove ist Ko-Autor des Buches: ’Voices of a People’s History of the United States’.

Anthony, wir haben nur noch ein paar Minuten, aber sagen Sie uns bitte - was fühlen Sie, wenn Sie an Ihre letzte gemeinsame Arbeit mit Howard Zinn denken? Ich weiß, Sie haben einen sehr, sehr großen persönlichen Verlust erlitten - wir alle.

Anthony Arnove:

Wissen Sie, Howard war rastlos. Er hatte eine solche Energie. In den letzten Jahren hat er immer weiter geschrieben, weiter Vorträge gehalten. Er hat diesem Geschichtsbuch, von dem in dem (Interview-)Auszug, den Sie eben gesendet haben, die Rede war, Leben gegeben. Auf diese Weise wollte er eine neue Generation in Kontakt bringen mit den Stimmen des Widerstandes und des Protestes, mit den Stimmen derer, die sie in ihren Schullesebüchern nicht finden und die wir in den Medien des Establishments vergebens suchen. Und er wollte sie (die Jugend) auf die Stärke ihrer eigenen Stimme aufmerksam machen, auf die Macht des Widerspruchs, auf die Macht des Protests. Er wollte ein Vermächtnis hinterlassen, in dem sich all diese Stimmen kristallisieren, in dem sie eine Synthese bilden.

Er wirkte aktiv an der bemerkenswerten Dokumentation ’Let The People Speak’** (2009) mit. Er übernahm die Sprecherrolle. Er arbeitete rastlos, um sie zu verwirklichen. Und - wissen Sie - ich fühle mich insgesamt privilegiert, weil ich die Chance hatte, mit ihm zusammenzuarbeiten - ganz zu schweigen von diesem Projekt... zu sehen, wie es tatsächlich realisiert wurde.

Wissen Sie, Alice Walker hat seinen Humor, seine Lebensfreude, angesprochen. Das war etwas Ansteckendes. Er hat wirklich allen, mit denen er in Kontakt kam, vermittelt, dass es nichts Wichtigeres gibt, als zu kämpfen, dass es keine wichtigere oder sinnvollere Lebensaufgabe gibt, als den Kampf für Gerechtigkeit. So viele Menschen - auch ich - Millionen von Menschen auf der ganzen Welt, unzählige Menschen, haben ihr Leben verändert, weil ihnen Howard Zinn über den Weg gelaufen ist. Howard hat ihr Leben verändert, weil sie ’Eine Geschichte des amerikanischen Volkes’ gelesen haben oder einen seiner Vorträge hörten, weil sie ihn trafen oder ihn im Radio hörten oder einen seiner Artikel lasen. Er hat die Menschen wirklich inspiriert, jene Bewegungen ins Leben zu rufen, die etwas bewirkt haben - was unsere Rechte, Freiheiten und Bürgerrechte angeht und alles, was in diesem Land erreicht wurde. Das ist sein wahres Vermächtnis. Wir alle sind seine Erben, die es verbreiten und lebendig und spannend weiterführen sollten.
Anthony, ich will Naomi Klein wieder in die Diskussion miteinbeziehen. Es ist sehr anrührend. Wir befinden uns hier auf dem Sundance-Festival, wo Sie im vergangenen Jahr mit Howard Zinn die Premiere von ’Let The People Speak’ erlebt haben. Gestern Abend - nach Howards Tod - lasen wir den Nachruf von Associated Press (AP) in der New York Times. Die New York Times hat ein Archiv mit circa 1200 Nachrufen über bestimmte Personen. Über Howard Zinn hatte sie nichts parat. Der Nachruf von Associated Press wandte sich sehr schnell einem Zitat des Historikers Arthur Schlesinger zu, der einmal gesagt hat: "Ich weiß, er (Howard Zinn) hält mich für einen gefährlichen Reaktionär. (Und) ich nehme ihn nicht sehr ernst. Er ist ein Polemiker, kein Historiker". Naomi Klein - was sagen Sie zu dieser Reaktion?

Naomi Klein:

Ich glaube nicht, dass das Howard Zinn irgendwie gekratzt hätte. Es hat ihn nie überrascht, wenn die Macht sich selbst in Schutz nahm. Er war wirklich ein Historiker des Volkes; daher erwartete er auch keine Wertschätzung vonseiten der Eliten.

Ich bin sehr, sehr froh, dass Anthony und das unglaubliche Team von ’Let The People Speak’ Howard an seinem Lebensabend dieses unschätzbare Geschenk gemacht haben. Ich war bei der Premiere der Dokumentation im’ Lincoln Center’ mit dabei , und als der Name Howard Zinn auch nur erwähnt wurde, sprangen Tausende auf und schenkten ihm die stehende Ovation, die er verdient hatte. Daher glaube ich nicht, dass er die New York Times braucht. Ich glaube auch nicht, dass er die offiziellen Historiker braucht. Er war in gewisser Weise der Lieblingslehrer aller. Er war der Lehrer, der unser Leben verändert hat. Allerdings hatte er diese Funktion für Millionen von Menschen. Sehen Sie - genau das ist passiert: Wir haben unseren Lieblingslehrer verloren.

Das Interessante an Howard ist, dass es ihm, bei der Geschichte, die er lehrte, nicht nur darum ging, uns unsere offiziellen Illusionen über heroische Figuren oder über den Nationalismus zu nehmen. Er wollte die Menschen lehren, an sich selbst zu glauben und an ihre Macht, die Welt zu verändern. Wie bei jedem tollen Lehrer werden seine Lektionen haften bleiben. Ich denke, wir alle sollten an diesem Tag versuchen, ein wenig wie Howard zu sein.
Beenden wir (die Sendung zu Howard Zinn) mit seinen eigenen Worten. Sie stammen aus einem seiner letzten Vorträge, den er im November 2009, an der Boston University, gehalten hat:

Howard Zinn (Einblendung):
Ganz gleich, was uns gesagt wird, ganz gleich, welche Tyrannen existieren, welche Grenzen überschritten wurden und werden, welche Aggression stattfand und stattfindet - wir werden nicht passiv sein im Angesicht von Tyrannei und Aggression, nein, wir werden andere Wege finden als den Krieg, um mit unseren Problemen fertig zu werden, was immer diese Probleme auch sein mögen. Denn ’Krieg’ bedeutet unausweichlich - unausweichlich - dass Massen von Menschen ohne Unterschied getötet werden, viele davon Kinder. Jeder Krieg ist ein Krieg gegen Kinder.

Wenn wir es recht bedenken, geht es nicht so sehr darum, (Leute wie) Saddam Hussein loszuwerden. Nun, wir sind ihn losgeworden. Im Verlauf dieses Prozesses haben wir Massen von Menschen getötet, die einst seine Opfer waren. Wenn man gegen einen Tyrannen Krieg führt, wen tötet man? Man tötet die Opfer dieses Tyrannen. Wie dem auch sei - dies ist geschehen, damit wir uns wieder Gedanken über den Krieg machen, damit wir uns klarmachen, dass wir uns in diesem Moment im Krieg befinden - stimmt’s? Im Irak, in Afghanistan, in gewissem Sinne auch in Pakistan (weil wir Raketen nach Pakistan abschießen und in Pakistan Unschuldige umbringen). Also - wir sollten es nicht akzeptieren.

Schauen wir uns nach einer Friedensbewegung um, der wir uns anschließen können. Im Ernst - sehen Sie sich nach einer Friedensorganisation um und treten Sie ihr bei. Am Anfang wird sie noch klein, hilflos und Mitleid erregend wirken. Aber so beginnen Bewegungen nun einmal. So begann auch die Bewegung gegen den Vietnamkrieg. Sie begann mit ein paar Grüppchen von Menschen, die sich hilflos und machtlos fühlten. Denken Sie daran, die Macht derer da oben hängt vom Gehorsam derer da unten ab. Wenn die Leute nicht mehr gehorchen, haben jene keine Macht. Wenn die Arbeiter streiken, verlieren die großen Konzerne ihre Macht. Wenn Konsumenten einen Boykott starten, müssen große Unternehmen klein beigeben. Wenn Soldaten sich weigern, zu kämpfen - wie es viele getan haben in Vietnam (es gab etliche Deserteure, viele Verweigerungen, viele Akte des tatkräftigen Widerstandes von Wehrpflichtigen gegen ihre Offiziere in Vietnam; B52-Piloten weigerten sich, weitere Bombeneinsätze zu fliegen) - , kann ein Krieg nicht weitergehen. Ja, die Macht liegt bei den Menschen. Wenn sie anfangen, sich zu organisieren, wenn sie protestieren und eine starke Bewegung bilden, können die Dinge sich verändern. Das ist alles, was ich sagen möchte. Danke.

Ja, das war Howard Zinn. Wir kommen zum Ende. Naomi Klein - Ihr Schlusswort?

Naomi Klein:

Nun, wir befinden uns derzeit mitten in einem Howard-Zinn-Revival. Ich meine, es wäre so oder so gekommen. Es war so außergewöhnlich, dass Filme über einen Mann gedreht wurden, dessen Leben sich dem Ende zuneigte, dass diese Filme im Fernsehen gesendet wurden und dass die Bücher dieses Mannes erneut auf den Bestseller-Listen erschienen. Es liegt an der besonderen Botschaft, auf die sich Howard ein Leben lang verlassen hat und der er sein ganzes Leben widmete. Gerade heute, in diesem Moment, ist sie so wichtig. Einen Tag nach der ’State of the Union address’ (Rede des Präsidenten zur Lage der Nation) lautet Howards Botschaft: Glaubt nicht an große Männer, glaubt an euch selbst. Die Geschichte entwickelt sich von unten nach oben.

Und noch etwas: Wir haben in diesem Land vergessen, wie Wandel bewirkt wird. Wir glauben, wir bräuchten nur wählen zu gehen, und der Wandel kommt. Doch Howard hat uns unermüdlich ermahnt: Nein, ihr müsst den Wandel, den ihr haben wollt, selber bewerkstelligen. In diesem Moment war diese Botschaft von so großer Relevanz. Ich bin Anthony so dankbar - und, um es noch einmal zu sagen, dem ganzen Team, das dieses Zinn-Revival ermöglicht hat -, denn wir brauchen Howards Stimme heute mehr denn je.

Natürlich. Dieses letzte Werk - ’Let The People Speak’** - wurde in den vergangenen Wochen auf dem History Channel gesendet, gerade in den letzten Wochen. Es war wirklich ein krönender Abschluss von Howard Zinns Werk.

Anmerkung d. Übersetzerin

*’Eine Geschichte des Amerikanischen Volkes’ (’A People’s History of the United States’) von Howard Zinn ist als 9-bändiges Geschichtswerk oder als Gesamtausgabe erhältlich.

Weitere auf Deutsch erschienene Bücher von Howard Zinn:

’Künstler in Zeiten des Krieges’

’Schweigen heißt lügen’ (bei Edition Nautilus)

’Amerika, der Terror und der Krieg’ (Herder)

Eine ausführliche Biografie und eine Bibliografie seiner meist englischsprachigen Werke finden Sie auf

http://de.wikipedia.org/wiki/Howard_Zinn

** Die Dokumentationen ’You Can’t Be Neutral on a Moving Train’ und ’Let The People Speak’ sind auch als DVDs erhältlich.

Amy Goodman

Amy Goodman ist Moderatorin des TV- und Radioprogramms ’Democracy Now!’, das aus rund 500 Stationen in Nordamerika täglich/stündlich internationale Nachrichten sendet.

Originalartikel: Howard Zinn (1922-2010)

http://www.zcommunications.org/howard-zinn-1922-2010-a-tribute-to-the-legendary-historian-with-noam-chomsky-alice-walker-naomi-klein-and-anthony-arnove-by-noam-chomsky

Übersetzt von: Andrea Noll




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