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Peter Bürger
Napalm am Morgen -
Vietnam im Film und die Kulturarbeit der Friedensbewegung
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Der nachfolgende Filmbeitrag basiert auf meinem Buch "Napalm der Morgen" (2004), das die Düsseldorfer Vietnam-Kriegskino-Wochen von 2002 darstellt und jetzt in vollem Umfang kostenlos zugänglich ist auf: http://www.napalm-am-morgen.de . Angesichts des übermächtigen "massenkulturellen Krieges" brauchen wir mehr Kulturarbeit in der Friedensbewegung. Die Erinnerung speziell an Vietnam wäre ein wichtiges Thema. Einst ersann man in Washington, der UdSSR in Afghanistan ein "eigenes Vietnam" zu bereiten. Heute wird am Hindukusch wieder ein endloser Krieg geführt. Die dreiste Regierungspropaganda hierzulande, die Missachtung der Bevölkerungsmehrheit, die Komplizenschaft der allermeisten Medien, die Reaktivierung von "Heldentum", das Schicksal traumatisierter Bundeswehrsoldaten … vieles erinnert auch bei uns an die Zeit des Vietnam-Krieges. Vielleicht wäre eine Losung "Raus aus Afghanistan-Vietnam!" gar nicht so verkehrt?
Der Film "Going Back" (USA 2001) - Vietnamtourismus und Sündenbekenntnis

"Ich leide seit 1987 am posttraumatischen Stress-Syndrom (PTSS). … Erst 19 Jahre nach dem Krieg erkrankte ich daran. Ich sah, dass ich mich drastisch veränderte, auch meine Frau merkte, dass etwas mit mir nicht stimmte, jedoch wussten wir nicht, was es war … Der eigentliche Grund für PTSS bei mir ist, dass ich zu viele Menschen getötet habe. Das tut mir heute unendlich Leid. Sie schauten mich an, und ich schaute sie an. Das werde ich niemals vergessen können. Ich glaube, je älter man wird, desto mehr Wertschätzung hat man dem Leben gegenüber. Ich bin kein gewalttätiger Mensch, aber der Krieg hat mich geprägt. … Und immer noch kann ich in meinen Alpträumen riechen, kann den Kampf riechen, und wenn das losgeht, dann habe ich Probleme." - US-Vietnamveteran Mike Lake1

"Sie trainierten mich zu töten. Sie schickten mich nach Vietnam. Sie sagten mir aber nicht, dass ich Kinder bekämpfen würde." - Ein US-Vietnamveteran2

"Es ist so, als würde man sein eigenes Grab besuchen und dabei Dinge sehen, die man niemals zurückbekommt." "Mein Gott, das war so furchtbar. Soll man unsere Sünden vergeben?" - Vietnamveteranen in GOING BACK

Mit eisiger Ablehnung reagierte die US-Gesellschaft auf Heimkehrer des Vietnamkrieges. Sie standen für die Niederlage. Doch Anfang der 80er Jahre ernteten die Veteranen spätes Lob. Man sagte allgemein: "Wow, ihr Jungs habt gute Arbeit geleistet!"3 Geholfen hat solcher Zuspruch wohl kaum einem Soldaten. In jeder Großstadt der USA gibt es in den Veteranenzentren Therapieangebote für Teilnehmer des Vietnamkrieges. Für die vom Militär auf neunzig Prozent hoch konditionierte Tötungsrate muss die Gesellschaft der Vereinigten Staaten bis heute einen hohen Preis bezahlen. Das Trauma haben kritische Heimkehrerfilme vermittelt, lange bevor die subventionierte Staatskunst mit WE WERE SOLDIERS 2001 ein ungetrübtes Heldenideal der Vietnamveteranen in die Kinos schickte. Wie tröstlich sind angesichts des zuletzt genannten Titels Menschen, die ihre inneren Kriegsverwundungen nicht durch einen Unschuldswahn verarbeiten. Der Vietnamveteran Larry aus New York hat als "US Marine Lone Ranger" sehr viele Menschen im Nahkampf getötet.4. Nach dem Krieg konnte er sich als Familienvater und Geschäftsmann etablieren. Schuldgefühle über die blutberauschte "Lust am Töten" brachen erst hervor, als seine Mutter starb. Das bedeutete für ihn einen so großen Lebenseinschnitt, dass er alles verlor und auf der Straße landete. Nach einer Begegnung mit dem Zen-Buddhisten Claude, der auch als ausgebildeter Killer in Vietnam war, ist er von den Drogen los gekommen.

Er ernährt sich von drei Jobs, bettelt nie, verzichtet auf eigenen Besitz und lebt - jetzt freiwillig - auf der Straße. Larrys Geschichte wäre für einen Spielfilm eine verheißungsvolle Vorlage. Bekannter noch ist der US-amerikanische Bischof Robert Bowan, Geistlicher der United Catholic Church in Florida. In Vietnam hat Bowan über hundert Kampfeinsätze geflogen. Heute wird seine Stimme weit über die Grenzen der US-Friedensbewegung hinaus gehört. Er hofft auf ein Christentum, das sich nach dem Vorbild der ersten drei Jahrhunderte der staatlichen Kriegspolitik konsequent verweigert.

Auch an Widerstand innerhalb der US-Army ist zu erinnern. Am 6. März 1998 erhielten Pilot Hugh Thompson, Schütze Lawrence Colburn und der gefallene Glenn Andreotta am Vietnam Veterans Memorial in Washington die Soldier`s Medal. Sie hatten während des My Lai- Massakers Vietnamesen vor mordenden US-Soldaten geschützt.5 Zur My Lai- Gedenkfeier in Vietnam bekannte Thompson: "Ich bin glücklich wieder hier zu sein und gleichzeitig furchtbar traurig. Ich bin nahe daran zusammenzubrechen, was ich nicht will, aber heute kann ich meine Gefühle nicht kontrollieren." Lawrence Colburn äußerte: "Ich bete dafür, dass wir eines Tages fähig sind, unsere Kriegsmentalität abzulegen, denn Krieg ist Wahnsinn!" - Zu diesem Zeitpunkt war es bereits seit Mitte der 90er Jahre verstärkt zu Begegnungen zwischen US-amerikanischen und vietnamesischen Veteranen gekommen. "Die amerikanische Tourismusbranche begann, regelrechte Veteranenreisen anzubieten, und auch für junge Amerikaner wurde das traditionsreiche und landschaftlich reizvolle Land allmählich zu einem attraktiven Reiseziel."6. Traumurlaub in Vietnam - "21 Tage von Danang bis ins Mekong-Delta" unter Einschluss wichtiger "Sehenswürdigkeiten" der Kriegsgeschichte - gehören auch bei uns zum Reiseangebot.7 Der Film GOING BACK (2001).8 greift diese Entwicklungen auf. Wer die patriotische Vietnamromanze PURPLE HEARTS (1984) von Regisseur Sidney J. Furie kennt, der befürchtet nach einem Blick auf die Inhaltsangabe von GOING BACK, Furie könne fünfzehn Jahre später einen Veteranenfilm über Vietnamtourismus und über ein ungeklärtes militärisches Versagen gedreht haben. Mit einem solchen Vorurteil wird man dankbar erfahren, dass es sich doch etwas anders verhält.

GOING BACK erzählt, wie sechs ehemalige Mitglieder der Echo-Company in die Sozialistische Republik Vietnam reisen, um nach drei Jahrzehnten Schauplätze ihres Kriegsdienstes Ende der sechziger Jahre aufzusuchen. Begleitet werden sie von der Fernsehjournalistin Kathleen Martin, die einen Dokumentarfilm über diese Reise machen will. Am Flughafen stellt sie vor der Kamera die ungewöhnlichen Touristen vor: Ted, Autohändler in El Paso, Red, Leiter der Wachmannschaft eines Staatsgefängnisses, Eric, Orientalistik-Professor in Standford, Jimmy, freiberuflicher Sicherheitsberater und Ray Shepherd, heute Pastor der "Light of the Lord"-Missionskirche. Bei dieser Begrüßung ist der bereits angereiste Ramsey nicht zugegen. Ihm, dem ehemals hoch verehrten Captain der Kompanie, werfen die Männer vor, durch die Angabe falscher Koordinaten ein Bombardement auf die eigenen Leute verschuldet zu haben. Die gezeigten Rückblenden, in denen Erinnerungen und Vergangenheit konfrontiert werden, bestehen zum Großteil aus "authentischem Material", das die Fernsehleute mitgebracht haben. Die Echo-Company agierte während des Vietnamkrieges fast immer vor laufender Kamera. So soll es auch jetzt beim Besuch des alten Kriegsschauplatzes sein.

Auf einer Busfahrt führt Kathleen die ersten Interviews. Für Eric ist es, als wenn "man sein eigenes Grab" besuchen würde. Jimmy findet die Hitze wie früher unerträglich. Ted denkt an die vielen Autos, "die man diesen Trotteln hier andrehen könnte". Und Red bemerkt mit Blick auf die Straße: "Beim letzten Mal mussten wir die Leute da draußen umbringen!" Nach den ersten Eindrücken werden die "zurückkehrenden Amerikaner" in der Stadthalle von Ho-Chi-Minh-Stadt, dem ehemaligen Saigon, mit einem herzlichen Empfang des "neuen Vietnams" und viel Applaus willkommen geheißen.9 In diese Atmosphäre von Völkerfreundschaft kommt nun auch Ramsey, der als ehemaliger US-Offizier das Wort ergreift: "Ich möchte nur eins sagen: Frieden. In einem Krieg wird alles vernichtet!" Bei der ersten Besichtigungsstation begleitet ein älterer Vietnamese mit Offiziersrang die Gruppe zu einem unterirdischen Tunnelkomplex der FNL-Kämpfer: "Gentlemen, möchten Sie sehen, wo wir viele Jahre unseres Lebens verbracht haben? … Entschuldigen Sie … , der Lichtmangel beeinträchtigt mich noch heute. Ich hatte nur drei Überlebende und ich kommandierte ein Bataillon!" Eine ergraute, gehbehinderte Frau kommt hinzu. Sie ist Leutnant Ti Sai, eine dieser Überlebenden. Die Rückblende zeigt den Einsatz der Echo Company am Ort. Mit ihren Geschützen am Tunnelkomplex hat die Truppe fast ausnahmslos Frauen und Mädchen getroffen. Entsetzt stellen die US-Soldaten fest, dass sie "Kinder" abgeschlachtet haben.10 Inmitten der Leichen liegt verwundet Ti Sai. - Sie erkennt jetzt in den Touristen die Männer von damals wieder: "Sie haben mich verschont, mir den Arm verbunden und das Bein. Danke!" Das versöhnende Wiedersehen endet mit Umarmungen und gegenseitigen Ehrerweisungen.

Über weite Strecken zeigt uns der Film die US-Veteranen bei Vergnügungen eines Kriegstourismus, wie ihn Tom Holert und Mark Terkessidis ausführlich beschrieben haben11: Discobesuche, Whisky, leichte Mädchen auf der Straße oder im Hotelzimmer und Urlaubsabende im Freien. Zum Angeln kehrt die Gruppe an einen Strand zurück, der pathetisch als "heilige Erde" gefeiert wird. Doch die Erinnerungsbilder der Einzelnen zeigen diese "freie Natur" als Schauplatz einer Horrorshow. Das alte U.S. Marine Hauptquartier der Einheit in Da Nang ist als Museum erhalten. Unter den Graffitis entdecken die Veteranen das Wappen des Corps, das sich als "Hunting Club" präsentiert, eine gemalte Cannabis-Pflanze und endlose Obszönitäten aus dem militärischen Geschlechtsleben: "I will miss fucking gooks!" "America No. 1" bekennt: "We came, we saw, we got conquered!" Als die "härtesten Arschlöcher im ganzen Tal" haben sie sich dort an den Wänden verewigt, so auch Ted ("No more cheap pussy!"), Red ("The Hammer Fuentes"), Ray ("God is dead") … und Eric, "das Gehirn". Neben dem billigen Sex wird man es nach Auskunft der noch lesbaren Abschiedsgrüße auch vermissen, Schlitzaugen - "für Christus und Buddha" - zu killen. Bei solcher Lektüre weinen die Rückkehrer und nehmen sich als Trostbedürftige in die Arme.

"Es gab Tage", so erzählt Ramsey der Fernsehjournalistin bei der Weiterfahrt, "da dachte ich, der Krieg wäre ein Wettbewerb an Grausamkeit." Wie Tiere hingen an einem Tag vierzig tote "Vietcong" im Netz eines US-Hubschraubers. Man ließ die Leichen wie Bomben über einem Dorf herunterfallen und tötete damit einige der Bewohner. "Ich habe damals Klage vor dem Kriegsgericht erhoben, sie wurde abgelehnt! Dieser Colonel hatte gute Beziehungen zum Großmeister der Zerstörung persönlich, zu Lyndon B. Johnson!" Unterstützt durch Rückblenden erklärt Ramsey Sehenswürdigkeiten am Straßenrand: "Diese Fischteiche sind übrigens Krater. Sie stammen von Bomben, die von B 52-Bombern aus abgeworfen wurden! … Die B 52 war unsere gefährlichste Waffe. Die Nordvietnamesen haben sie immer erst gehört und gesehen, wenn es zu spät war… Die Bomben waren so riesig und fielen so nah beieinander, dass sie eine Art Gewitter erzeugten. Der Tag wurde zur Nacht, und die Nacht zum Tag. Der Luftstau zerquetschte Organe, stoppte Herzen. Es gab keinen Sauerstoff mehr in der Luft zu atmen. Man erstickte jämmerlich."

Unter den Opfern eines solchen Einsatzes hatte Ramsey einst die handgeschriebenen Gedichte eines nordvietnamesischen Politoffiziers gefunden. Sie enthalten keine Propaganda, sondern Lyrik für seine Frau, die der Offizier zum Zeitpunkt der Niederschrift schon jahrelang nicht mehr gesehen hatte. Zur Rückgabe dieser Sammlung sucht die Reisegruppe die noch lebende Adressatin der Gedichte auf. Ihr Gesicht ist von US-amerikanischen Phosphorbomben entstellt. Sie dankt Ramsey unter Tränen mit ihrem "Lied für einen Soldaten, der sich verlaufen hat." Als Übersetzer erläutert Eric, eine wichtige Kraftquelle der einstigen Feinde sei der buddhistische Ausblick auf ein wunderbares Leben gewesen.12 Der Lyrik des Politoffiziers stellt er die Parolen der US-Militärausbildung gegenüber: Der vietnamesische Gedichtschreiber "hat seine Soldaten dazu gebracht, aus Liebe zu ihrem Land zu kämpfen, aus Liebe zu ihren Familien, immer aus Liebe. Bei uns gab es nur eins, den Hass. Uns hat der Hass vorangetrieben. Das fing schon bei der Ausbildung an. Der Drill Sergeant sagte, wir sollten Jodie hassen. Jodie war eigentlich jeder, der sich nicht zur Army meldete, irgendein Feigling, der zuhause blieb und den richtigen Männern die Mädchen klaute, den Marines. Und als wir nach Vietnam kamen, wurde aus Jodie Charlie. Es wurde einfach übertragen auf einen neuen Feind, auf sie, die Schlitzaugen."

Die Amüsements der Filmreise verdecken in keiner Weise, dass die Veteranen ausnahmslos an ihren Erinnerungen - bis hin zur Verzweiflung - leiden und seit dem Krieg von Vietnam nicht mehr losgekommen sind.13 Am deutlichsten wird das bei Ray, den die Rückblenden als knallharten Sergeant zeigen und der inzwischen Pastor geworden ist. Beim Besuch einer Gedenkstätte zum "dreckigen Krieg" weint er: "Mein Gott, das war so furchtbar. Soll man unsere Sünden vergeben? Ich bin nach Vietnam gekommen, um erlöst zu werden, aber ich bin es nicht wert!" Abends beim Whisky bezichtigt er sich als Heuchler: "Diener Gottes? Was für ein Schwindel! Ich meine, wie kann ich es wagen zu predigen? Absurd ist das! Ich habe getötet, Menschen verstümmelt. Nur Gott allein weiß, wie viele es waren!" Im Beisein der anderen kann er mitunter verallgemeinern: "Der Krieg war das Verbrechen, das Verbrechen, bei dem wir alle mitgemacht haben, Tag für Tag!" Doch auf seinem Zimmer unterzieht sich Ray einer radikalen Selbsterkenntnis: "Ich speiste die Hungrigen, ich gab den Nackten Kleidung … Wieso Vater, wieso hast Du mich verlassen? Wieso? Auch wenn ich wandere im Tal des Todesschattens, fürchte ich kein Unheil. Ich sagte, ich fürchte kein Unheil … , weil ich der gemeinste, brutalste Mistkerl im Tal bin!"

Bei der Ankunft in Hue, der berühmten Kaiserstadt aus dem 19. Jahrhundert, in der Ho Chi Minh aufgewachsen ist, erinnern sich die Veteranen der Echo Company an einen finstren Tag. In Hue haben sie mit den feiernden Vietnamesen gelacht und gefeiert, bevor im Rahmen der Tet-Offensive am 31. Januar 1968 mehr als 5.000 nordvietnamesische Soldaten die Stadt stürmten. Überall zeigt die Rückblende in alten Kamerabildern jetzt verwundete und tote US-Soldaten. Der Feldgeistliche der Kompanie, Kaplan Brzezinski, führt Kinder und andere Zivilisten in einen Gebäudeinnenhof: "Kommt, kommt meine Kinder, Beeilung! Ich führe euch in die Sicherheit Gottes!" Ein vietnamesischer Schütze erschießt den US-Priester. Als die Mitglieder der Echo Company seine blutverschmierte Stola sehen, schießen sie wild auf die davonlaufenden Zivilisten. Vergeblich übernimmt Ramsey, der selbst nicht geschossen hat und über seine Männer entsetzt ist, die Verantwortung: "Es war ein Massaker, und ich hatte das Kommando. Ich stelle mich hiermit dem Kriegsgericht, Colonel! … Ich kann die Männer nicht mehr führen, nicht nach dem heutigen Tag!" Der Vorgesetzte bagatellisiert mit Blick auf 2.000 tote Zivilisten das Massaker und lehnt Ramseys Bitte um Enthebung vom Kommando kategorisch ab. Das soll zum Besten sein für die amerikanische Fahne, doch die hat für Ramsey an jenem "Tag von ihrem Glanz" verloren. Das Verhältnis zwischen dem vormals von allen geschätzten Captain und seinen Leuten ist beidseitig zerrüttet. Ramsey kann seinen Leuten nicht verzeihen, dass sie als hervorragende Schützen auf Unschuldige geschossen haben. Rückblickend sagt er noch immer: "Für euch war ein Schlitzauge ein Schlitzauge … Aber ich war euer Anführer. Ich habe komplett versagt!"

Die anderen Veteranen erinnern jedoch vor allem den Tod von 500 "Waffenbrüdern" in Hue und die vielen tausend von der nordvietnamesischen Armee getöteten regierungstreuen Südvietnamesen. Sie hegen mit Blick auf die letzte Station der Reise Rachegefühle gegenüber Ramsey. Bei Tuc Phong, so ihr Vorwurf, hat er - womöglich sogar als heimliche Vergeltung für das Massaker in Hue - am 25. April 1968 auf die eigenen Leute feuern lassen. Diese zentrale Dunkelstelle der Geschichte soll nun für Kathleens Dokumentarfilm nachgespielt werden: Den stummen Vorwurf in den Augen ihres Captains können die am Massaker beteiligten Mitglieder der Echo Company nicht mehr ertragen. Sie misstrauen ihm und meutern. Ein Teil der Soldaten, darunter Red, Jimmy und Ray, verlassen die gemeinsame Marschroute und gehen auf eigene Faust querfeldein in ein Reisfeld. Per Funk kommt aus der Luft die Nachricht, dass diese Abweichler direkt auf einen nordvietnamesischen Hinterhalt zulaufen. Ramsey versucht vergeblich, die Männer zurückzurufen. Er ordert zum Schutz ein Luftbombardement auf die vietnamesische Stellung. - An diesem Punkt des Nachspielens erkennt Ted, der Autohändler, dass er damals als Funker die vom Captain richtig berechneten Koordinaten in der Ziffernfolge unwillentlich vertauscht hat: "Ich hab Scheiße gebaut. Ich habe sie alle auf dem Gewissen!" Doch im Reisfeld stehen bereits Jimmy und Red mit Pistolen und schießen auf Ramsey, der eine Schulterwunde erleidet. Die spielerische Re-Inszenierung ist für alle ein bitterernstes Psychodrama geworden. Ray, der Pastor, will sich rettend dazwischen werfen: "Erschießt mich, es war meine Schuld!" Er erleidet eine schwere Bauchwunde und muss reanimiert werden. In letzter Minute verhindert Ramsey, dass Jimmy sich eine Kugel in den Kopf jagt. Zu spät merken alle verzweifelt und vor laufender Kamera, in welchen Film sie geraten sind.

Im Flur des Krankenhauses kommt die gute Nachricht, dass Ray überleben wird. Alle weinen. Jimmy bekennt, dass er seit Vietnam völlig kaputt ist. Der Captain spricht für alle einen Trost: "Wir haben hier in Vietnam unser Bestes gegeben. Trotzdem haben wir irgendwie versagt!" Bei der Abreise verabschieden sich Ted, Red, Eric und Jimmy salutierend von Ramsey, ihrem alten Captain, der übrigens während des ganzen Films eine rote Kappe mit dem Abzeichen des Marine Corps trägt. Kathleen betrachtet die Filmaufnahmen vom letzten Schauplatz der Dokumentation als nicht existent. Alle sind miteinander versöhnt. Leider ergänzt die Regie dieses dick aufgetragene Happy End durch weitere Bilder im Abspann, die den Vietnamkrieg fast ausschließlich wie einen Asienurlaub in Erinnerung rufen.14 Genau das aber hatten die Rückblenden bis dahin im ganzen Film nicht geboten!

Befürchtungen, der Vietnamtourismus von Veteranen könne als Apologie oder Enthüllung innermilitärischer Geheimnisse inszeniert werden, widerlegt dieses Werk von Furie. Das Drehbuch wirbt mit der Figur von Ramsey für Führungspersönlichkeiten der Army, die militärisches Können und ethischen Anspruch miteinander verbinden. Das ist eine Parallele zum Film TIGERLAND. Wichtige Merkmale des kritischen Kriegsfilmparadigmas sind enthalten. Dass sich die Danksagung der Produktion an das zentrale Kulturministerium und zwei regionale Kulturministerien Vietnams richtet, eine US-Militärunterstützung jedoch nicht vermeldet, verwundert wohl niemanden. Die Versöhnungsarbeit von GOING BACK bietet in Hollywood-Manier Schuldbekenntnisse, wie sie bis dahin im US-Film nicht zu sehen waren. Das verdient Beachtung.

Fußnoten

1. Zitiert nach: Schneider, Wolfgang (Hg.): Apokalypse Vietnam. Reinbek bei Hamburg 2001, S. 190f.

2. Zitiert nach: Gruen, Arno: Der Fremde in uns. Stuttgart 2000, S. 119.

3. So erinnert der Veteran Mike Lake eine offenbar verbreitete Floskel. Zitiert nach: Schneider, Apokalypse Vietnam. 2001, S. 190.

4. Vgl. den Online-Beitrag zur ZDF-Sendung "Das Rätsel der Tötungshemmung": "Lone Ranger" Larry - Die Lebensgeschichte eines Vietnamveteranen.
http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/3/0,1872,2051555,00.html (Abruf am 22.6.2003) -
Zum Vietnamtrauma: Shay, Jonathan: Achill in Vietnam. Kampftrauma und Persönlichkeitsverlust. Hamburg 1998

5. Vgl. Klose, Fabian: Das Massaker von My Lai. In: Zeitschrift der Historiker und Politologen der Uni München. 8/1999. http://sqr.de/hp/HTML/HP8/MyLai.html (Abfrage am 2.7.2003); dort auch die nachfolgenden Zitate.

6. Frey, Mark: Geschichte des Vietnamkriegs. Sechste Auflage, München 2002, S. 230

7. Vgl. z.B. www.vietnam-tours.de .

8. GOING BACK, USA 2001, Regie: Sidney J. Furie, Drehbuch: Greg Mellott.

9. Für das Volk von Vietnam spricht ein ehemaliger Offizier der Revolutionären Volksarmee: "Um des Lebens willen, für den Frieden, für die Zukunft müssen wir versuchen, die Vergangenheit zu vergessen und uns gegenseitig in die Augen sehen und mit offenen Armen begrüßen."

10. Ray Shepherd hält in der gezeigten Rückblende den Soldaten als Sergeant entgegen: "Sie sind immerhin unsere Feinde! … Ihre Tränen heben Sie sich für Ihre eigene Beerdigung auf! … Ich habe gerade vier meiner besten Männer verloren! … (Mit Blick auf die toten Mädchen:) Genau so sieht der Feind aus, verdammt noch mal!"

11. Vgl. Holert, Tom/Terkessidis, Mark: Entsichert - Krieg als Massenkultur im 21. Jahrhundert. Köln 2002, bes. S. 23ff.

12. Eric: "Sie sind Buddhisten. Daran haben sie geglaubt. Deshalb haben sie durchgehalten. Sie konnten alles ertragen. Wenn die Amerikaner eine Brücke gesprengt haben, haben sie eines ihrer Häuser eingerissen und das Holz dafür verwendet, die Brücke wieder aufzubauen. Kein Opfer war für sie zu groß."

13. Zum Beispiel Ted: "Wenn ich doch dieses gottverdammte Land niemals gesehen hätte." Kathleens Kameramann Freddy will abwiegeln: "Ihr Jungens seid Helden. Was immer damals gelaufen ist, fuck! Willst du glücklich sein …? Du musst es nur wollen!" Jimmy: "Du hast es nicht miterlebt. Kein Tag vergeht, ohne dass Vietnam auftaucht und mich … zum Wahnsinn treibt, kein einziger Tag!" Später: "Dieses beschissene Vietnam beherrschte alles; es gab nichts anderes. Scheiße, ich bin so am Arsch!"

14. Die Reihenfolge der Szenen zum Abspann: Der Captain opfert im Beisein von Kathleen Räucherstäbchen in einer Tempelanlage und verliest kniend die Namen der Toten aus der Echo Company. Die Soldaten sehen wir auf mehreren Schauplätzen beim Mannschaftssport und anderen Späßen. Der Sanitäter berät vietnamesische Zivilisten in Fragen der Gesundheitssorge. Feldkaplan Brzezinski sitzt vertraut mit einem vietnamesischen Kind beisammen und tauft im Fluss einen Marine. Ein Soldat erhält das Schlusswort: "Glaubt mir, wenn dieser Krieg zu Ende ist - und jeder Krieg endet irgendwann, dann habe ich das Gefühl, dass ein Teil von mir stirbt!" Bei dieser aufdringlich schönen Revue, die kein einziges Kriegsbild enthält, kommt der Verdacht auf, die US-amerikanischen Zuschauer sollten nach den Zumutungen von GOING BACK abschließend doch noch durch eine ganz andere Perspektive entschädigt werden.


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