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Divergences, Revue libertaire internationale en ligne
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Jörg Eichler
Totale Kriegsdienstverweigerung
Entwicklung und Stand einer Bewegung
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Solange es Militär und Wehrpflicht gibt, gibt es immer auch Menschen, die sich durch Desertion und Verweigerung widersetzen.

Bis in die 1970er Jahre waren politisch motivierte Totalverweigerer - abgesehen von der Gruppe der Zeugen Jehovas, die ebenfalls, aber aus vordergründig anderer Motivlage, die Wehrpflicht total verweigerten - weitgehend isoliert und individualisiert.

Ab etwa Mitte der 70er Jahre entstanden international Totalverweigerer-Bewegungen, so auch in Deutschland: im Osten unter dem Namen "Freundeskreis Wehrdiensttotalverweigerer" (FWTV), im Westen zunächst unter dem Titel "Kollektiver gewaltfreier Widerstand gegen Militarismus" (KGW), eine Gruppe, die seit 1976 den libertär-pazifistischen KGW-Rundbrief verbreitete und ab 1984 das unter dem Titel "OHNE UNS" (OU) erscheinende Nachfolgeblatt herausgab.

Die Totale Kriegsdienstverweigerung blieb zwar auch weiterhin eine individuell geprägte Aktionsform radikaler Kriegsgegnerschaft, zu einer Massenbewegung hatte sie - zumindest in Deutschland (anders als z.B. in Spanien, wobei dort jedoch die sowohl aus historischen Gründen deutlich ablehnendere Haltung der Bevölkerung gegenüber dem Militär als auch "lokalpatriotische" Motive entscheidende Rollen spielten) - nie das Zeug. Dennoch nahm bis Ende der 90er Jahre sowohl der Grad der Vernetzung unter den Aktiven als auch die Wahrnehmung der Totalverweigerung als politische Aktionsform und Widerstand gegen die Wehrpflicht in der Öffentlichkeit kontinuierlich zu. Dabei waren sowohl die Zeitschrift OHNE UNS als auch die einmal jährlich stattfindenden Bundestreffen mit teilweise 60 bis 80 TeilnehmerInnen zu festen Bestandteilen und Motoren geworden. In vielen Städten gründeten sich darüber hinaus regional aktive Totalverweigerer-Gruppen, von denen einige über viele Jahre hinweg, also vor allem über die eigene persönliche Betroffenheit hinaus, auf diesem Gebiet politisch tätig waren. Auch auf internationaler Ebene wurden Kontakte zu Aktiven gesucht, etwa im Rahmen der War Resisters’ International (WRI) oder des European/International Conscientious Objectors Meeting (ECOM/ICOM).

In den letzten Jahren ist es relativ ruhig geworden um das Thema Totalverweigerung. Seit etwa 2002 ging die Zahl der Verweigerer und damit auch ihre politische Wirksamkeit zurück.

Das OHNE UNS erschien unregelmäßiger, verlor seine Bedeutung als eine der "Wirbelsäulen" der Bewegung und wurde Anfang 2005 schließlich eingestellt. Gleichzeitig war auch die Veranstaltung des Bundestreffens zunehmend in Frage gestellt: Jeweils zweimal in Folge gab es noch Bundestreffen in Hamburg (2000/01) und Dresden (2003/05) - in den dazwischenliegenden Jahren war es ausgefallen - und auch diese Treffen verzeichneten immer weniger TeilnehmerInnen. Beim letzten Treffen 2005 in Dresden war weitgehend Begräbnisstimmung angesagt: Angesichts von - neben knapp 20 altbekannten Gesichtern - nur noch drei Menschen, die ihre Totalverweigerung überhaupt potenziell (fraglich etwa durch weiter abgesenkte Einberufungsaltersgrenzen) noch vor sich hatten, schien es politisch keinen Sinn mehr zu ergeben, weiterhin die aufwendige Organisation solcher Treffen zu gewährleisten. Entschieden wurde schließlich, auch das BuTre zunächst in eine Art Winterschlaf zu versetzen, der dann enden sollte, wenn der Bedarf danach wieder besteht.

Das scheint nun endlich soweit zu sein. Seit etwa Mitte 2007 sind wieder mehrere Fälle von Totalverweigerung bekannt geworden, mit leicht steigender Tendenz, wenn auch nur im einstelligen Bereich. Erfreulicherweise ist auch zu beobachten, dass einige der Betroffenen wieder beginnen, bewusst die Öffentlichkeit zu suchen, etwa in Form von Blogs im Internet, um so ihrer Totalverweigerung über den jeweiligen Einzelfall hinaus eine politische Dimension zu geben. Dennoch haben es TKDVer derzeit schwer, aus ihrem jeweiligen Einzeldasein herauszutreten, vor allem, weil überregionale Strukturen praktisch nicht existieren. Teilweise erfahren sie zwar Unterstützung durch lokale Soligruppen, die sich anlässlich der Arrestierung bei der Bundeswehr oder des Strafprozesses mehr oder minder spontan aus ihrem persönlichen und/oder politischen Umfeld zusammenfinden, aber eben auch genauso schnell wieder zerfallen, wenn diese akute Situation beendet ist.

Bundesweites Vernetzungstreffen zur TKDV:: 12. bis 14. Juni 2009 in Frankfurt/M.

Nun hat sich eine Gruppe aus Gießen gefunden, die diesbezüglich einen neuen Anfang wagen will: Mitte Juni soll nach vierjähriger Pause wieder ein Bundestreffen in Frankfurt/Main stattfinden.

Wer also mit dem Gedanken spielt, den durch die Wehrpflicht auferlegten Zwang zum Dienen mit einer Totalverweigerung zu beantworten, oder auch unabhängig davon einfach am Thema interessiert ist, dem sei die Teilnahme an diesem Treffen wärmstens empfohlen. Ziel des Treffens ist in erster Linie Vernetzung und Erfahrungsaustausch.

Je nach Bedarf können verschiedene Arbeitsgruppen angeboten werden, deren Themen im Einzelnen letztlich von den TeilnehmerInnen selbst bestimmt werden.

Es bleibt zu hoffen, dass von diesem Treffen genügend Impulse ausgehen werden, um künftig Aktiven wieder ein stabileres Umfeld für ihren radikalen antimilitaristischen Protest bieten zu können.

aus Graswurzelrevolution Nr. 339 Mai 2009




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